Die Politik und Wissenschaft Unseres Untergangs

Gastbeitrag von Guy McPherson
Erstmalig erschienen am 1. 8. 2016: The Politics an Science of Our Demise
Übersetzung: Wolfgang Werminghausen, mit freundlicher Unterstützung von Jürgen Hornschuh

“Aussterben ist die Regel. Überleben ist die Ausnahme.”

~ Carl Sagan

Kein etablierter Wissenschaftler könnte über das baldige Aussterben der Menschheit reden und auf Unterstützung in seinem oder ihrem beruflichen Umfeld hoffen. Daher tut es keiner. Niemand wagt es, bezüglich unseres drohenden Untergangs die Punkte zu verbinden. Paradoxerweise ist ein Lehrstuhl gedacht, die akademische Freiheit zu schützen. Verwaltungen tanzen auf dem Drahtseil, um den Irrsinn des dominanten Paradigmas im Namen des Geldes zu fördern, während sie gleichzeitig Lippenbekenntnisse zur akademischen Freiheit abgeben.

Persönlich beschäftigt mich, was ich von Elisabeth Kübler-Ross aus ihrem berühmten Buch On Death and Dying zitiere: „Diejenigen Patienten, denen ihre tödliche Diagnose ohne Chance, ohne eine Spur von Hoffnung, mitgeteilt worden war, reagierten am schlimmsten und absolut unversöhnlich gegenüber der Person, die ihnen in dieser grausamen Weise die Nachricht überbracht hatte.“ Am Ende ihres 1969 erschienen Buches warnte mich Kübler-Ross, meinen Zuhörern die Hoffnung zu rauben. Das Resultat, dass ich den Rat ignoriert habe: Die meisten Menschen, die zuvor Teil meines Lebens waren, konnten sich nicht mit der Person aussöhnen, die ihnen die Nachricht in dieser brutal ehrlichen Weise präsentiert hat.

Wie in meinem Privatleben, habe ich lange Zeit auch im Unterrichtsraum diesen radikalen Ansatz verfolgt. Im Gegenzug hatte ich spätestens 2005 einen NSA-Spion in meinem Unterrichtsraum sitzen und meine letzte Institutsleitung war gezielt angeheuert worden, mir das Leben schwer zu machen, damit ich die Segel strich. Im Grunde ist es kaum möglich einen fest angestellten Voll-Professor mit der Reputation zu feuern, die ich aufgebaut hatte. Um es meinen Kritikern ein für alle mal klar zu machen: Ich habe meinen aktiven Dienst freiwillig verlassen, weil ich nicht Willens war, in diesem hoffnungslos korrupten System mitzuwirken.

Meine bevorstehende Vortrags-Tour in Kaskadien (Pazifischer Nordwesten Amerikas) wird sich auf Politik und Wissenschaft des abrupten Klimawandels konzentrieren. Ich werde ein paar Geschichten über Politik, die den wissenschaftlichen Bemühungen zu Grunde liegen, erzählen und dann auf Sam Caranas jüngste Analyse zu sprechen kommen. In letzterer denkt Carana über einen globalen Durchschnitts-Temperatur-Anstieg von mehr als 10 Grad Celsius über der Ausgangstemperatur innerhalb eines Jahrzehnts nach. Das ist der Fokus dieses kurzen Essays. Die ihm zugrunde liegenden Belege können wie üblich in dem langen und oft aktualisierten Essay Klimawandel Zusammenfassung und Update gefunden werden.

Die Fakten sind real, unabhängig davon, wer sie aufdeckt. Hinter Carana verbergen sich möglicherweise mindestens zwei anonyme Personen. Sie/er macht Fehler, wie jeder, aber sein/ihr Mangel an Referenzen beseitigt nicht seine/ihre Ergebnisse. Doch ich wiederhole mich.

global temperature rise by 2016

Caranas Analyse ist gut. Sie/er ist willens und im Stande ein paar Punkte bezüglich abrupten Klimawandels in Verbindung zu bringen. Die daraus resultierende Analyse ist grundsätzlich vorsichtig, obgleich ich glaube sie/er irrt bei der Überhitzung zweimal. Im ersten Fall folgert sie/er, dass die globale Durchschnitts-Temperatur seit 1750 um 1,92 °C gestiegen ist. Auch wenn eine aktuelle Arbeit aufzeigt, dass direkte Beobachtungen ungefähr 20% der globalen Erwärmung seit den 1860ern übersehen haben, halte ich den Ball flach und gehe beim bisherigen wissenschaftlichen Konsens von 1,6 °C mit. Der zweite im folgenden beschriebene Fehler ist gewichtiger und er entspricht einem, den ich auf der jüngsten Vortrags-Tour bezüglich der Befeuchtung der oberen Tropospäre gemacht habe.

Der Betrag an globaler Erwärmung, der für das nächste Jahrzehnt schon im System eingebucht ist (Anm. des Übersetzers: durch bereits freigesetztes CO2) erhöht die aktuelle Temperatur der Erde um 0,5 °C. In meiner Berechnung bringt uns das zu 2,1 °C über der Ausgangstemperatur (d.h. um 1750).

Die Abnahme des Aerosol-Maskierung-Effekts oder der „globalen Verdunklung“ fügt weitere 2,5 °C hinzu. Bei hohen instabilen Temperaturen ist eine Massen-Produktion von Getreide mit Sicherheit nicht mehr möglich. Die neusten wissenschaftlichen Fachzeitschriften kommen zu dem Schluss, der Zuschlag werde ungefähr 3 °C betragen, aber ich nehme den übervorsichtigen Ansatz und bin hierbei auf Caranas Seite.

Albedo Veränderungen in der Arktis, angesichts von rasant schwindendem Eis, fügen 1,6 °C der Summe hinzu. Dieser Zuschlag geht auf eine Arbeit von Peter Wadhams von 2012 zurück, die folgert, dass Energie-Absorption um mehr als 2 Watt pro Quadratmeter zunehmen wird. Schon jetzt ist die Absorbtion von 0,43 Watt pro Quadratmeter in einem Zeitraum von 1970 bis 1992 auf 0,75 Watt pro Quadratmeter seit 1992 gestiegen. Eine eisfreie Arktis wird daher die globale Durchschnitts-Temperatur um 1,6 °C in den nächsten 10 Jahren erhöhen.
Nach Caranas Analyse trägt Methan vom Meeresboden nur weitere 1,1 °C zwischen jetzt und 2026 bei. Diese Zahl ist erstaunlich konservativ im Vergleich zu Vorhersagen von Natalia Shakhova und Paul Beckwith. Daher nehme ich die konservative Zahl.

Carana addiert 2,1 °C für weitere Wasserdampf-Feedbacks. Indem sie/er das tut, folgert sie/er, dass der ganze Temperatur-Anstieg von 1750 bis 2016 hauptsächlich auf Kohlendioxid zurückgeht und dies in nächster Zeit durch einen ähnlichen Temperatur-Anstieg durch Wasserdampf begleitet wird. Ein konservativerer Ansatz legt den Kohlendioxid-Beitrag auf 0,8 °C fest, und reduziert das Wasserdampf-Feedback auf 0,8 °C. Es wird zusätzliche 0,5 °C geben, wie oben erwähnt. Daher subtrahiere ich 0,8 °C von Caranas veranschlagtem Wasserdampf-Beitrag.

Schließlich fügt Carana noch 0,3 °C für andere Feedbacks hinzu. Unter Beachtung der letzten Informationen über terrestrischen Permafrost und mehr als fünf Dutzend anderen selbstverstärkenden Feedback-Schleifen erscheint mir diese Zahl erstaunlich konservativ. Daher nehme ich sie.

Das menschliche Habitat auf der Erde schwindet rapide. Ungeachtet von Wunschdenken, Schläue und selbst-proklamierter Intelligenz, werden menschliche Tiere nicht lange ohne Habitat überleben. Abrupter Klimawandel hat kaum begonnen und das sechste Massen-Aussterben ist offenkundig unterwegs. Von der Arroganz des Humanismus' befallen glauben viele Mitglieder meiner Spezies, das Konzept des Habitats sei nur auf andere Spezies anwendbar, aber nicht auf unsere.

earth's temperature history

Insgesamt landet Carana bei 10,02 °C über der Ausgangstemperatur bis Mitte 2026 oder ungefähr 23,5 °C. Das wäre dann die höchste globale Durchschnitts-Temperatur auf diesem Planeten während der letzten 2.000.000.000 Jahre. Mit einem vorsichtigen Ansatz bei jedem Schritt, komme ich „nur“ zu einem Temperatur-Anstieg von 8,71 °C bis 2026. Daraus ergibt sich für mich der Schluss, dass zu diesem Zeitpunkt die globale Temperatur bei ungefähr 22,2 °C (13,5 °C + 8,71 °C) liegt. Das ist knapp über 22 °C, die Temperatur bei der sich die Erde am häufigsten während der letzten 2.000.000.000 Jahre befunden hat. Ich vermute, es ist wahrscheinlicher, konservativen wissenschaftlichen Fachzeitschriften folgend, dass die Erde in einem Jahrzehnt ungefähr 23 °C erreichen wird. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Erde abzukühlen beginnt bis das Wärmekraftwerk Zivilisation abgeschaltet wird und sich Dutzende selbstverstärkende Feedback-Schleifen unerklärlicherweise wieder umkehren.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen: das Große Sterben löschte fast alles komplexe Leben auf der Erde aus. Dies war die Folge eines globalen Durchschnitts-Temperatur-Anstiegs von 12 °C auf 23 °C in einem Zeitraum von mehreren hundert oder wenigen tausend Jahren. Zu schließen, dass Menschen so eine Temperatur-Steigerung in nur ein paar hundert Jahren überleben, mit der Haupterwärmung innerhalb eines Jahrzehnts, ist äußerst – und vielleicht krankhaft – optimistisch. Wenn man berücksichtigt, dass das Überleben von Homo Sapiens wesentlich von einer Vielzahl anderer Spezies abhängt, ist es schwer sich vorzustellen, dass unsere Lieblings-Spezies bis 2026 das lebensnotwendige Habitat noch haben wird, in nur einem Jahrzehnt.

Aber vielleicht werden wir überleben. Vielleicht wird das Wärmekraftwerk namens Zivilisation saniert und mit noch-zu-entwickelnden Kühl-Elementen ausgestattet, die natürlich ebenfalls vom Wärmekraftwerk namens Zivilisation erzeugt werden müssen. Vielleicht können wir die Wüste bombardieren (Anmerkung des Übersetzers: Das ist eine Anspielung auf ein Gedankenspiel von Paul Beckwith, mit dem erwarteten Effekt die Atmosphäre zu verdunkeln.) und uns mit nuklearen U-Booten in den Meeren rumtreiben, während wir uns von Soylent Green ernähren. Und dann, ein paar Millionen Jahre später, vorausgesetzt der Planet kühlt ab, werden wir vielleicht in ausreichender Zahl auf der gegenüberliegenden Seite eines beachtlichen Flaschenhalses heraus marschieren, um alles noch einmal von vorn zu beginnen. Inzwischen werden mit Sicherheit 10.000 Trolle unter 10.000 Brücken hervorkriechen, um zu behaupten, ich sei ein Extremist und habe die Idee des baldigen Aussterbens der Menschheit zurechtgeschustert, um damit selber Geld zu machen.

Da ich nicht an Einhörner und anderen Wunder glaube, würde mich unser Fortbestand überraschen. Ich bin außerordentlich der Realität zugeneigt, statt Wunschdenken. Vielleicht ist das mein Problem: Ich wünsche es mir einfach nicht genug.

 

Bitte auch den vorausgegangenen Artikel von GuyMcPherson beachten: Schneller als Erwartet