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Weltklimarat und Pariser Übereinkommen

Gastartikel von Jürgen Hornschuh erstmals erschienen in englischer Sprache: 2°C to Midnight, or, In Paris We Trust (2017-05-05)

Unlängst feierte die Welt das Inkrafttreten des Pariser Übereinkommens von 2015 zur Begrenzung der menschengemachten globalen Erderwärmung – und wurde kurz darauf von der Ankündigung des neuen US-Präsidenten enttäuscht, gleich wieder aus diesem Vertrag aussteigen zu wollen. Der Führer eines Staates, der zu den größten Umweltverschmutzern der Welt gehört, gleichzeitig Oberbefehlshaber der US-Armee, der allergrößten Einzel-Dreckschleuder überhaupt, hat seither einiges unternommen, den Umweltschutz innerhalb und außerhalb seines Landes außer Gefecht zu setzen. Darüber ließe sich bereits jetzt, nach nur wenigen Monaten, ein längliches Klagelied schreiben. Das soll jedoch nicht Thema dieses Artikels sein. Wie wir im Folgenden sehen werden, dürfte das Verhalten der USA nur marginale Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Klimawandels haben.

Das Pariser Übereinkommen, welches auf der einundzwanzigsten Weltklimakonferenz (COP 21) von zahlreichen Nationen unterzeichnet worden ist, war zwar tatsächlich in gewissem Sinne ein Durchbruch, denn zum ersten Mal haben sich die Staaten der Erde auf umfangreiche konkrete und verbindliche Richtlinien zum Umweltschutz geeinigt, um katastrophalen Klimawandel abzuwenden. Leider ist dieser Sieg nur symbolischer Natur und keineswegs ein substanzieller Beitrag zum Klimaschutz. Im Gegenteil. Es wurde von verschiedenen Wissenschaftlern nachgewiesen, dass hier eine Irreführung der Öffentlichkeit stattfindet, denn die beschlossenen Maßnahmen des Übereinkommens sind nicht nur ungenügend, sie kommen außerdem Jahrzehnte zu spät, als dass sie nachhaltige Wirkung entfalten könnten. Sie verhindern gleichzeitig den realitätsbezogenen Umgang mit einer existenzbedrohenden Krise unseres Planeten und sind daher geeignet, großen Schaden anzurichten.

Das Pariser Übereinkommen basiert hauptsächlich auf Datenmaterial, das vom sogenannten Weltklimarat (Inter-governmental Panel on Climate Change, IPCC) gesammelt, gesichtet und bewertet worden ist. Sicher wäre es zu viel verlangt, Unfehlbarkeit zu fordern, doch die Kritik am IPCC und seiner Arbeit ist so umfangreich und tiefgreifend, dass es sich lohnt, näher darauf einzugehen.

Zusammensetzung

Wie der englische Name des Weltklimarats anzeigt, handelt es sich bei seinen Mitgliedern um Regierungsvertreter der Staaten der Welt. Er wurde 1988 ins Leben gerufen, um Entscheidungsträgern den Forschungsstand bezüglich des Klimawandels verständlich zu machen. Dazu beruft der Rat Wissenschaftler, welche Sachstandsberichte erstellen. Das letzte Wort über Inhalt und Form liegt beim Rat selbst, nicht bei den Wissenschaftlern. Der letzte solche Bericht erschien 2013, der sogenannte AR5.

Fünfter Sachstandsbericht (AR5) von 2013

Aufgabe der Wissenschaftler ist es, aufgrund gesicherter Erkenntnisse Prognosen der Zukunft zu erstellen. Hier begegnen wir auch schon dem ersten zentralen Kritikpunkt: gesicherte Erkenntnisse sind alte Erkenntnisse. Bis Forschungsergebnisse wissenschaftlich anerkannt sind, müssen sie einen langwierigen Prozess der Begutachtung durch Fachkollegen durchlaufen, das sogenannte Peer-Review-Verfahren. Es braucht in der Regel wenigstens zwei bis drei Jahre, bis dieser so weit gediehen ist, dass wissenschaftliche Daten als gesichert angesehen und regulär veröffentlicht werden können. Bei der Sichtung durch den Weltklimarat vergehen weitere Jahre, und das Datenmaterial wird immer älter.

In der Zwischenzeit ändert sich das Klima weiter, und zwar drastisch, aber für den aktuellen Stand gibt es eben keine Peer-Reviews, sondern 'nur' nackte Messungen. Statt sich an diesen zu orientieren, benutzte man Computermodelle, und hieran knüpft sich gleich eine ganze Batterie von Kritikpunkten.

Computermodelle können lediglich vereinfachte Darstellungen klimatischer Abläufe durchrechnen. Kleine Abweichungen im mikroklimatischen Bereich oder bei der Rundung von Zahlen können sich zu großen Abweichungen gegenüber der Wirklichkeit summieren. Ein Beispiel hierfür ist das lokale Abschmelzen von Grönlandeis aufgrund dunkler Ablagerungspartikel und Mikroorganismen, was zu weiträumiger Destabilisierung des Eisschilds führt.

In den IPCC-Modellen fehlten außerdem fundamentale Klimafaktoren wie z.B. Methan und Wasserdampf als Treibhausgase und die vielfältigen Folgen des Abschmelzens der polaren Eiskappen. Diese Faktoren summieren sich nicht lediglich auf, sie interagieren miteinander und bewirken so anstatt eines gleichbleibenden Anstiegs ein abruptes Aufschaukeln der Weltdurchschnittstemperatur. Es gibt mindestens siebzig natürliche Prozesse, die sich selbst und gegenseitig verstärken und dabei die Atmosphäre erwärmen, aber keiner davon wurde für den Bericht berücksichtigt.

Kein Wunder hat der Weltklimarat falsche Vorhersagen bezüglich Eisschmelze, Temperaturentwicklung und Treibhausgaskonzentrationen getroffen. Die Modelle waren völlig unzureichend. Als Beispiel sei in der folgenden Grafik die vom Weltklimarat erwartete Entwicklung der Ausdehnung des arktischen Meereises dem tatsächlichen Verlauf gegenübergestellt.

Arctic September Sea Ice Extent

[Quelle: Wikimedia, Gemeinfrei]

Man sieht hier deutlich, wie mangelhafte Modelle verhindern, dass ein dringender Handlungsbedarf auch bemerkt wird. Denn statt einem zwischen 2017 und 2025 zu erwartenden eisfreien Nordpolarmeer – mit voraussichtlich katastrophaler, plötzlicher Erderwärmung als Folge – verlegt der Weltklimarat dieses wichtige Ereignis auf eine Zukunft, in der wohl keiner der heutigen Akteure mehr lebt: 2100.

Obendrein behindert offensichtlich die Einmischung von Regierungen eine angemessene Präsentation der Informationen, wie von Sitzungsteilnehmern berichtet. Ein äußeres Zeichen hierfür ist die fortschreitende Verschiebung des Vergleichszeitraums. Galt in den 80er Jahren laut UN noch eine Steigerung um 1°C im Vergleich zum Beginn der Industriellen Revolution 1750 (!) als sichere Obergrenze, redet der Weltklimarat von 2°C im Vergleich zum Beginn der industriellen Revolution 1870 (!!) In diesen 120 Jahren hatte sich die Weltdurchschnittstemperatur aufgrund menschlicher Aktivitäten bereits um mindestens 0,3°C erhöht. Viele neuere Veröffentlichungen verschieben den Vergleichszeitraum inzwischen weit näher in Richtung Gegenwart, ohne an den absoluten Zahlen etwas zu ändern. Dem unbedarften Nachrichtenkonsument fällt dies meist nicht auf, was nur im finanziellen Interesse jener Industrien liegen kann, welche mit der Verbrennung fossiler Energieträger zu tun haben.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch David Wasdell, Leiter des Apollo-Gaia-Projekts und ehemaliger Koordinator des Meridian-Programms. Als Ergebnis langjähriger Forschung hat dieser eine korrigierte Fassung der IPCC-Grafik gezeichnet, welche das Verhältnis zwischen industriellen Kohlendioxid- (CO2-) Emissionen, CO2-Gehalt der Atmosphäre und zu erwartendem Temperaturanstieg darstellt:

CO2 - temperature anomalies

[Quelle: Wasdell]

Am oberen Rand sehen wir den Atmosphärengehalt an Treibhausgasen (in Teilen pro Million), was dem am unteren Rand abgetragenen Gesamtgewicht an Treibhausgasen entspricht (in Petagramm, d.h. Billionen Kilogramm d.h. Gigatonnen). An der senkrechten Achse folgen wir dem zu erwartenden Temperaturanstieg im Vergleich zum späten 19. Jahrhundert (in °C). Die blaue Linie zeichnet die vom Weltklimarat erwartete gleichmäßige Entwicklung vor, die rote Kurve bezieht unter anderem das vom Rat nicht berücksichtigte Methangas sowie Änderungen in der Ausdehnung der polaren Eiskappen mit ein. Sie erkennt die Dynamik natürlicher Prozesse an und deckt sich weitgehend mit Befunden aus der Erdvergangenheit, als ähnliche Bedingungen zu finden waren.

Die Hiobsbotschaft in Kürze:

Gefährlich schneller, gefährlich weitreichender Klimawandel lässt sich nicht mehr vermeiden. Der Weltklimarat hat einen systematisch fehlerhaften Bericht abgeliefert, der nicht annähernd den wirklichen Klimawandel beschreibt. Er gibt aufgrunddessen irreführende Handlungsempfehlungen und er lässt einen viel zu großen Zeitrahmen dafür zu. Der Bericht eignet sich daher nicht als Grundlage zur Entscheidungsfindung. Im Einzelnen heißt das:

  • Wenn lediglich die bisherigen Selbstverpflichtungen der Nationen der Welt umgesetzt werden – und es sieht so aus, als täten sich etliche Staaten schwer damit, Paris einzuhalten – dann landen wir bei 10°C, nicht 4°C

  • Wenn wir tatsächlich die Kohlendioxid-Emissionen entsprechend der Ratsempfehlung deckeln, landen wir bei 5,4°C, nicht 2°C Temperaturanstieg.

  • Der bis 2014 in der Erdatmosphäre angesammelte CO2-Gehalt garantierte bereits einen Anstieg um 3,9°C, nicht 1,5°C. Dem ist der Effekt weiterer Treibhausgase hinzuzurechnen, welche der Ratsbericht nicht berücksichtigte. Der tatsächlich fest einzurechnende Temperaturanstieg beträgt mindestens 6°C und wird einen Meeresspiegelanstieg um 23 Meter nach sich ziehen (erdgeschichtlichen Präzedenzfällen folgend, laut Guy McPherson). Um diesen müssen wir uns allerdings keine Sorgen machen, denn bereits der Temperatursprung von 3,9°C wäre gleichbedeutend mit dem Aussterben der menschlichen Spezies.

  • Das sogenannte CO2-Budget von 300 Gigatonnen, welches angeblich zur Verfügung steht, bevor die 2°C-Marke durchbrochen wird, ist daher rein fiktiv. In Wirklichkeit hatten wir unser Treibhausgaskonto 2014 um bereits 388 Gigatonnen überzogen, und jedes weitere Jahr fügt dem Schuldenberg derzeit 10 Gigatonnen industrieller Emissionen hinzu. Es gibt nichts mehr zu verteilen; wir haben diese Ausfahrt schon vor Jahrzehnten, um 1970, verpasst!

Wer sich nicht scheut, mit klimaphysikalischem Fach-Englisch umzugehen, sollte in Wasdells kritische Antwort auf den AR5 vom Februar 2014 hineinschauen, um sich von dessen Stichhaltigkeit zu überzeugen.

Selbst man wenn die oben erläuterte Kritik am AR5 und der Pariser Übereinkunft unberücksichtigt ließe, gilt festzuhalten:

2°C sind kein wissenschaftlich fundiertes Ziel, sondern wurden vom neoliberalen Ökonomen William Nordhaus eingeführt, um den Bereich zu definieren, in dem sinnvolles ökonomisches Handeln möglich sei.

2°C sind kein sicheres Ziel, wie man leicht daran sehen kann, dass wir bereits jetzt mit massiven Naturkatastrophen zu kämpfen haben: epische Dürren, größere Stürme, ungewöhnlich starke Niederschläge, schnell schwankende Wetterlagen, Extremkälte und -hitze, und von all dem deutlich mehr als in der Vergangenheit. Dies beeinträchtigt heute schon Ernteerträge auf der ganzen Welt im zweistelligen Prozentbereich.

2°C sind auch laut Weltklimarat kein realistisches Ziel, denn zu seiner Erreichung dazu bedarf es laut AR5 des Geo-engineering. Konkrete Maßnahmen, welche kurzfristig in globalem Maßstab Klimafaktoren manipulieren könnten, wurden im Bericht nicht genannt, denn solche waren – und sind bis heute – nicht bekannt.

Fazit:

Die Einhaltung des Pariser Übereinkommens, welches auf den „Erkenntnissen“ des Weltklimarats beruht, wird die Gemeinschaft des Lebens auf diesem Planeten, einschließlich der menschlichen Zivilisation, nicht vor den heute schier unfassbaren Auswirkungen des Klimawandels schützen können, so David Wasdell.

Weil die wissenschaftliche Elite die Sachlage zu vorsichtig einschätzt und die politische Elite zu zögerlich oder gar nicht handelt, damit die Wirtschaftselite auch weiterhin kräftig absahnen kann, wird die Menschheit – schneller und heftiger als gedacht – von einer Serie von Katastrophen überrollt werden, ehe sie sich bewusst wird, wie ihr geschieht.

Folgt man jenen, welche die Zusammenhänge zu einem größeren, stimmigeren Gesamtbild fügen, muss man sogar von apokalyptischen Ausmaßen sprechen, denn es ist nicht undenkbar, dass die abrupte Natur der Vorgänge zu einem Massensterben innerhalb weniger Jahre führt, unabhängig davon, ob die USA sich an ihre Zusagen halten oder nicht.

 

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