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Aktualisiert: vor 3 Tage 5 Stunden

90 Jahre Wuppertaler Freilichtbühne – Jonathan Ries et al.

Mi, 19/07/2017 - 13:45
Der geschichtliche Werdegang der Freilichtbühne am Asbruch - - -

Die Geschichte der Bühne nimmt ihren Anfang in den späten 1920er Jahren. Die Freiwirtschaft Silvio Gesells sorgte für Aufsehen. Der Unternehmer und von John Maynard Keynes in dessen Hauptwerk gelobte Wirtschaftsreformer lebte von 1862 bis 1930. Gesells "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" erschien 1916. Die darin beschriebene alternative Ökonomie hatte auch im bergischen Land eine beträchtliche Anhängerschaft und traf hier auf eine weitere starke Strömung: die der
Jugendbewegung mit ihrer Hinwendung zur Natur. Aus dem Zusammenfließen dieser beiden Bewegungen entstand 1927 der Freiwirtschaftliche Jugendverband Deutschland (FJvD) gegründet von Jugendlichen aus dem Bergischen Land und dem Ruhrgebiet. Sie alle waren durch Vorträge und Schriften mit den Erkenntnissen Silvio Gesells in Berührung gekommen. Man setzte große Hoffnung in eine sicherere und friedlichere Zukunft durch Veränderungen im bestehenden Geld- und Bodenrecht. Die Jugendlichen unterstützten die Veranstaltungen der FFF-Bewegung (Freigeld, Freiland, Festwährung). Sie sangen, musizierten und führten Volkstänze auf. Sie wanderten mit FFF-Wimpeln durchs Land, gekleidet in grüne Kittel.- - -
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Jahresfeier 2017 – Terminhinweis der Redaktion

Mi, 19/07/2017 - 13:20
Jahresfeier der HUMANEN WIRTSCHAFT 2017 vom Freitag, den 22. September 2017 bis Sonntag, den 24. September 2017 - - -

Die Veranstaltung, die jedes Jahr für außergewöhnliche Begegnungen sorgt. - - -

„Geld und Boden in der Transformation“ Begriffe, Geschichten, Bilder - - -

Tagungsgebühr für das gesamte Wochenende inkl. aller Programmpunkte: 32,– € Regionalwährungen & Tauschangebote (Leistungen und Produkte) werden akzeptiert. - - -

Veranstaltungsort und Anmeldungen: Silvio-Gesell-Tagungsstätte - Schanzenweg 86 - 42111 Wuppertal - Tel.: 02053-423766 - Fax: 02053-423799 - E-Mail: info@sgt-wuppertal.de - - -

„Wissenstransformation“, die „digitale Transformation“, „Innovation und Transformation“, „Weisheit und Transformation“, das Schlagwort begleitet und inspiriert die Arbeit unzähliger Einzelpersonen und Einrichtungen. Wissenschaftler und Bürgerinnen versuchen gemeinsam die Grundlagen für gutes Leben zu erarbeiten. Man will herausfinden, wie Lebensqualität von rein materiellem Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden kann. Dieses Bestreben in Verbindung zu grundlegenden Fragen der Geld- und
Bodenordnung zu stellen, ist sinnvoll und kann einen wichtigen Beitrag für die gemeinsame Aufgabe leisten. - - -

Auf der diesjährigen Jahresfeier wollen wir uns diesem Zusammenwirken widmen und haben eine Vielzahl von Experten und Aktiven eingeladen. Die Veranstaltung ist öffentlich und wir freuen uns auf viele Besuche aus nah und fern. - - -

Freitag, den 22. September: Workshop mit Steffen Henke zu den Grundlagen des Geldsystems und der aktuellen Beleuchtung des Finanzsystems mit seiner Entwicklung beispielsweise der negativen Zinsen.
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Einsteiger-Seminarreihe „Wirtschaft und Gesellschaft“

Mi, 19/07/2017 - 13:12
„Wirtschaft und Gesellschaft“ Seminarreihe zur Vermittlung und Erarbeitung von Grundlagenwissen - - -

04./05. Nov. 2017 Das Geld im Kreislauf der Wirtschaft - - -

Interessierte jeden Alters erlangen hier das Rüstzeug für die aktive Befassung mit Problemstellungen und Lösungsvorschlägen zum Geld- und Finanzsystem, der Bodenordnung und weiteren, wichtigen Feldern von Wirtschaft und Gesellschaft. - - -

Der Kurs mit Workshop-Charakter wird geleitet von Fritz Andres und Eckhard Behrens und ist ein Projekt des Seminars für freiheitliche Ordnung e. V. in Bad Boll, an dem der Förderverein für Natürliche Wirtschaftsordnung e. V., Essen und der Lernort Wuppertal, getragen vom Freiwirtschaftlichen Jugendverband Deutschland e. V. mitwirken. - - -
Schulungsmaterial, Abschluss-Zertifikat und die Möglichkeit zum Besuch weiterer Aufbaukurse werden geboten. Die Seminare sind einzeln buchbar oder im Ganzen. Ab
Februar 2018 sind weitere aufbauende Seminarwochenenden geplant. Die Teilnahmegebühr beträgt pro Seminarwochenende 50,- €, für Schüler und Studenten 25,- €. - - -

Das Komplett-Verpflegungspaket während des gesamten Seminars (alle Mahlzeiten am Samstag und alkoholfreie Tagungsgetränke, heiß und kalt) kostet 29,- €. - - -

Zusätzlich können preiswerte Übernachtungen in der Tagungsstätte gebucht werden. Anreise Freitag ist möglich. Nähere Informationen siehe Anmeldeformular.
Veranstaltungsort: Silvio-Gesell-Tagungsstätte - Schanzenweg 86, 42111 Wuppertal - Nähere Informationen und Anmeldung unter: http://lernort-wuppertal.de und http://humane-wirtschaft.de - - -

Weitere Termine & Themen: 16./17. Dez. 2017 Auswirkungen einer Geldreform im Sinne Silvio Gesells -- 13./14. Jan. 2018 Die Zukunft der Unternehmensverfassung - - -

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Termine 04/2017

Mi, 19/07/2017 - 12:54
Wien, 26. Juli bis 13. August 2017 „Alternative Economic and Monetary Systems“ Internationale Summer University - - -

Wuppertal, 22. bis 24. September 2017 Jahresfeier HUMANE WIRTSCHAFT Vorträge, Workshops und Begegnungen von Lesern, Autoren und Referenten in der Silvio-Gesell-Tagungsstätte in Wuppertal. - - -

Wien, 26. Juli bis 13. August 2017 „Alternative Economic and Monetary Systems“ Internationale Summer University - - -

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Beeinflussung und Manipulation in der Ökonomischen Bildung

Mo, 10/07/2017 - 10:15

Silja Graupe, Professorin für Ökonomie und Philosophie, Leiterin des Instituts für Ökonomie und Vizepräsidentin der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues veröffentlicht eine neue Studie.
Über ihre Arbeit schreibt sie auf ihrer Webseite:

Wirtschaft neu zu gestalten – darin liegt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. In Forschung und Lehre gebe ich Beispiel, wie wir uns ihr im interdisziplinären und interkulturellen Dialog stellen können.

Quelle: Beeinflussung und Manipulation in der Ökonomischen Bildung – Hintergründe und Beispiele | Silja Graupe | reshaping economics

Termine 03/2017

Mi, 10/05/2017 - 00:14
Barcelona, Spanien, 10. bis 14. Mai 2017 „IV International Conference on Social and Complementary Currencies“ Konferenz mit Workshops,
Know-How-Transfer und Vernetzung internationaler Initiativen Mit Beteiligung der HUMANEN WIRTSCHAFT. - - -

Essen, 9. Bis 11. Juni 2017 „Zukunftsgerecht leben – Würde statt Wachstumswahn” – „Fairventure-Konferenz“ u. a. mit Dr. Franz Alt, Marcel Botthof, Hanna Eckart, Prof. Dr. Hermann Ott und Peter Krause. Ort: VHS Essen, Burgplatz 1, 45127 Essen Infos / Anmeldung: https://www.fairventure-konferenz.de - - -

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Sommerkolleg der Drachenreiter 2017 – Holger Kreft

Di, 09/05/2017 - 08:23
Das Wuppertaler Sommerkolleg der Drachenreiter 2017 vom 3. bis 15. Juli 2017 Begeisterung für neue Ideen – Anstoß zu ungewöhnlichen Verknüpfungen - - -

Viele von uns spüren in diesen Tagen ein Unbehagen oder auch schon eine deutliche Sehnsucht nach etwas Anderem. Zunächst sind aber Ungewissheit, Krise, Transformation und Entkopplung Ausdrücke, mit denen unsere heutige Situation im Kleinen wie im Großen immer öfter beschrieben wird. Unser Bildungssystem setzt dem allerdings noch immer wenig entgegen. In solchen Situationen, die Veränderungen erwarten lassen, stellen viele Menschen sich auch die Frage: Wie geht's denn jetzt weiter? - - -

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Einsteigerseminar – Terminhinweis der Redaktion

Di, 09/05/2017 - 08:19
„Wirtschaft und Gesellschaft“ Seminarreihe zur Vermittlung und Erarbeitung von Grundlagenwissen Start am 4./5. November 2017
Folgetermine finden Sie am Ende dieser Mitteilung. - - -

Interessierte jeden Alters erlangen hier das Rüstzeug für die aktive Befassung mit Problemstellungen und Lösungsvorschlägen zum Geld- und Finanzsystem, der
Bodenordnung und weiteren, wichtigen Feldern von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Kurs mit Workshop- Charakter wird geleitet von Fritz Andres und Eckhard
Behrens und ist ein Projekt des Seminars für freiheitliche Ordnung e. V. in Bad Boll, an dem der Förderverein für Natürliche Wirtschaftsordnung e. V., Essen und der Lernort Wuppertal, getragen vom Freiwirtschaftlichen Jugendverband Deutschland e. V. mitwirken. Schulungsmaterial, Abschluss-Zertifikat und die Möglichkeit
zum Besuch weiterer Aufbaukurse werden geboten. Die Seminare sind einzeln buchbar oder im Ganzen. Ab Februar 2018 sind weitere aufbauende Seminarwochenenden
geplant.

Die Teilnahmegebühr beträgt pro Seminarwochenende 50,- €, für Schüler und Studenten 25,- €.
Preiswerte Übernachtungen und Verpflegung können am Tagungsort gebucht werden.
Veranstaltungsort: Silvio-Gesell-Tagungsstätte, Schanzenweg 86, 42111 Wuppertal, Nähere Informationen und Anmeldung unter: http://lernort-wuppertal.de
Termine & Themen: 04./05. Nov. 2017 - Das Geld, seine Funktionen und seine Zukunft --- 16./17. Dez. 2017 - Auswirkungen einer Geldreform im Sinne Silvio Gesells
- 13./14. Jan. 2018 -- Die Zukunft der Unternehmensverfassung - - -

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Delegation freut sich auf Barcelona – Redaktion

Di, 09/05/2017 - 08:13
Zwei „Stipendien“ für junge, aktive Geldreformerinnen und Geldreformer
Zur 4. Internationale Konferenz über Sozial- und Ergänzungswährungen vom 10. bis 14. Mai
2017 nach Barcelona fahren Veronica Gnisia aus Freiburg und Haymo von Dahlen aus Jülich - - -

Veronica Gnisia ist 21 Jahre alt und studiert an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg „Waldwirtschaft & Umwelt“. Sie engagiert sich bei der Regionalwährung
„Freitaler“ und ist der Überzeugung, dass mit Hilfe lokaler Währungen Transportwege verkürzt werden können und so ein aktiver Beitrag zu Klimaschutz und -gerechtigkeit geleistet werden kann. Auch die Förderung sozialer Projekte liegt ihr am Herzen. Der globalisierte Kapitalismus habe zu wirtschaftlicher Monokultur auf vielen Gebieten geführt. Komplementäre Währungen könnten zu einem Aufbruch zur Diversität beitragen und resilientere Regionen hervorbringen. - - -

Haymo von Dahlen ist 29 Jahre alt und machte an der TU München einen Master in Maschinenbau und Management. Seine beruflichen Schwerpunkte legt er auf Erneuerbare Energien und Finanzierungsfragen. Die Arbeiten von Helmut Creutz haben ihn dem Thema Geld- und Bodenreform nähergebracht und er sieht diese mittlerweile als das Gebiet an, mit dem er sich intensiv auseinandersetzen möchte. Sein fundiertes Wissen möchte er nutzen, um im Umfeld von Projekten auf diesem Gebiet eine berufliche Heimat zu finden. - - -

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Sind Sie ein Gewinner im aktuellen Geldsystem?

Sa, 29/04/2017 - 16:00

Der Umverteilungseffekt durch Zins und Zinseszins ist im ersten Moment für viele nicht erkennbar. Menschen, die selbst keine Schulden haben, sehen sich häufig außerhalb dieses Mechanismus, da sie ja direkt keine Zinsen bezahlen. Das stimmt so natürlich nicht, denn in allen Preisen des täglichen Lebens stecken die Zinsen der entsprechenden Anbieter. Auch der Staat muss seine Steuern in einer Höhe festsetzen, mit der auch sein eigener Schuldendienst gewährleistet bleibt. Die Höhe des Zinsanteils in den verschiedenen Preisen ist natürlich sehr unterschiedlich und durchaus nicht unumstritten.

Doch Tatsache bleibt: Zinsen müssen erarbeitet werden

Lesen Sie auch: Der Mythos vom "Kleinen Sparer"

„Bedienungsanleitung“ für die eingebettete Kalkulation:

Klicken Sie mit der Maus auf die Eingabefelder und tragen Sie Ihre Zahlen dort ein. Je nach Gerät bzw. Betriebssystem kann es sein, dass Sie statt einem Komma einen Punkt verwenden müssen (bsp.: 3.5 statt 3,5). Wenn Sie mit der Eingabe in einem Feld fertig sind, dann bitte die Eingabetaste betätigen,
oder mit der Maus auf das nächste Eingabefeld klicken.

Beim „Zinsanteil in den Preisen“ (ZiP) rechnen wir mit 33%, die durchschnittlich in den Preisen, Steuern und Gebühren stecken. Namhafte Experten gehen gar von durchschnittlich 40% und mehr in allen Ausgaben inkl. Steuern aus. Sie können aber auch diesen Wert selbst ändern (ganz unten links unter der Tabelle).

Sollte durch versehentliche Fehleingaben die Tabelle nicht mehr richtig funktionieren, laden Sie einfach diese Seite neu.

Schuldbewirtschaftung – Roland Rottenfußer

Mi, 01/03/2017 - 19:03
Wie wir in Verschuldung getrieben und durch Schuldgefühle manipuliert werden - - -

„Schulden“ und „Schuld“ haben nicht nur den Wortstamm gemeinsam. Es ist das gleiche Phänomen, das sich auf ethischem und wirtschaftlichem Gebiet zeigt. Wer sich schuldig fühlt, fühlt sich in besonderem Maße klein. Er ist bereit, fast alles zu tun, was ihn von dem unerträglichen Schuldgefühl befreit. Somit wird ihm auch die Geldbörse locker sitzen, wenn es um Dienstleistungen geht, die vermeintlich seine Schuld reduzieren. Schuld ist also ein Rohstoff, der bewirtschaftet werden kann. In einer auf Verschuldung und Zinsen basierenden Ökonomie ist die Schuldkultur, die wir z. B. in Religion, Justiz und Familienleben erkennen können, gleichsam auf die materielle Ebene herabgesunken. Ökonomisch geht es von vornherein darum, aus Schuld Geld zu schöpfen. Zeit, dass wir uns befreien und die Tricks der Schuld(en)profiteure zu durchschauen lernen.
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Preisfrage: Carsten händigt seinem Geschäftspartner Franz 200.000 Euro aus; mit zeitlicher Verzögerung zahlt Franz an Carsten 400.000 Euro. Wer von beiden wird als „Geldgeber“ bezeichnet? Hätte Carsten eine Bank, so würde wohl ihm der Ehrentitel „Geber“ zugesprochen werden. Ebenso sind Länder, die andere Länder durch zusätzlich zur Tilgung verlangte Zinsen ausbluten, nach offizieller Sprachregelung „Geberländer“. Jeder, der einmal ein Haus gebaut hat, weiß, dass er, um es zu finanzieren, den Gegenwert von mindestens einem weiteren Haus an Zinsen an die Bank bezahlen muss. Vor allem bei Laufzeiten von 20 bis 30 Jahren übertreffen die Zinszahlungen oft die ursprünglich geschuldete Summe. Wer z. B. vor Beginn der momentanen Niedrigzinsphase 200.000 Euro zur Baufinanzierung bei einer Bank lieh, musste bei 38 Jahren Laufzeit, 4,5 % Nominalzins und 916 Euro monatlichen Ratenzahlungen rund 217.000 Euro an Zinsen berappen.
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In diesem Artikel interessiert uns vor allem auch die psychische Dimension von Geldschulden. Sie lässt sich sehr einfach mit einem verwandten Begriff benennen: Schuld. Von den Kirchen wurden die Gläubigen mit der Schreckensvision einer „übergroßen Schuld“ (maxima culpa) bedroht. Einer Schuld, die wegen ihres erdrückenden Umfangs niemals tilgbar ist – es sei denn durch einen Akt der Gnade. Auf der ökonomischen Ebene entspricht der „untilgbaren Schuld“ die Überschuldung. Sie begegnet uns immer wieder in den Nachrichten, z. B. im Zusammenhang mit der Griechenlandkrise. Leider wird zu selten auf die teilweise viel schlimmere Überschuldung der Länder des globalen Südens hingewiesen. Margrit Kennedy zitiert in ihrem Buch „Occupy Money“ den nigerianischen Präsidenten Obasanjo: „Wir haben bis 1985 oder 1986 etwa 5 Milliarden Dollar geliehen: Bis jetzt haben wir 16 Milliarden Dollar zurückgezahlt. Jetzt wird uns gesagt, dass wir immer noch 28 Milliarden Schulden haben (…) wegen der Zinsraten der ausländischen Kreditgeber.“ Wer gibt hier eigentlich, und wer nimmt? Das Verbot der Sklaverei, festgelegt in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948, ist damit nichtig.
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Der moralisierende Begriff Schuld(en) hilft kräftig dabei mit, dass sich Menschen das eigentlich Unzumutbare gefallen lassen: ihre zunehmende Beraubung und Entrechtung durch das Kreditwesen. In Zeiten von Niedrig-, Null- oder gar Negativzinsen mag dieses Problem als eines „von gestern“ anmuten. Noch immer steigt jedoch die Zahl der überschuldeten Haushalte, stöhnen Menschen unter Steuerschulden und – da das Kapital zunehmend auf den Immobilienmarkt nach „Anlagemöglichkeiten“ sucht – Mietschulden. Das religiös verbrämte Wort „Schuld“ (gleichbedeutend mit Sünde) schwingt in dem Wort „Schulden“ mit. Aber versuchen wir das Problem jenseits aller Schuld-und-Sühne-Rhetorik ganz nüchtern auf das zu reduzieren, was es ist: Jemand hat eine juristisch begründbare Geldforderung an Sie – das ist alles. In der Regel werden Sie diese Forderungen wegen der Gesetzeslage erfüllen müssen, ob gerecht oder ungerecht. Sie können sich selbst aber aus dem inneren Schuldenturm befreien, indem Sie realisieren, dass sie in vielen Fällen längst zurückgegeben haben, was Sie erhalten haben – oder weitaus mehr. Wer gibt eigentlich, und wer nimmt? Und wer trägt wirklich moralische Schuld?
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Menschen stöhnen nicht nur unter individuellen Schulden (viele sind davon ja nicht betroffenen), sondern auch unter der kollektiven Staatsverschuldung. Diese Schuld trifft uns – wie die von der Kirche kreierte Erbsünde – ganz unabhängig von unserem individuellen Handeln. Die Babys mit den klaren Unschuldsaugen bekommen ihren Teil der ererbten Schuld schon mit in die Wiege gelegt. Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA, sagte:
Diese ganz einfache und nachvollziehbare Ethik ist jedoch in unserem System längst außer Kraft gesetzt. Wegen des Schuldendienstes sind Regierungen gezwungen, lebensnotwendige Sozialaufwendungen für die Not leidende Bevölkerung zu streichen, derzeit z. B. in Griechenland. Der Schweizer UN-Beauftragte Jean Ziegler sagt deshalb zu Recht: „Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heißt: Verschuldung.“ Das Recht des Gläubigers auf Rückzahlung hat zumindest in den ärmsten Ländern einen höheren Stellenwert als das Recht des Individuums auf ein Existenzminimum. Mehr noch: es steht über dem Recht auf Leben.
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Wer sich schuldig fühlt, fühlt sich in besonderem Maße klein.
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Er wird bereit sein, fast alles zu tun, was ihn von dem unerträglichen Schuldgefühl befreit. Somit wird ihm auch die Geldbörse locker sitzen, wenn es um Dienstleistungen geht, die vermeintlich seine Schuld reduzieren. Schuld ist also ein Rohstoff, der bewirtschaftet werden kann. Bewirtschaftet wird etwas, wenn es zur Ware gemacht und als finanzielle Einnahmequelle genutzt wird. Auch der Begriff „Parkraumbewirtschaftung“ ist ja bekannt. Wasser ist heutzutage zur Ware geworden, Pflanzen und Tiere sind es und unter bestimmten Umständen auch Menschen, zumindest ihre Körper. Fußballstars werden von den Clubs verkauft, Verschmutzungsrechte von Unternehmen gehandelt. Ebenso kann man auch Schuldgefühle bewirtschaften, also zu Geld machen.

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Globalisierung neu denken – Buchrezension von Jens Langer

Mi, 01/03/2017 - 19:01
Christoph Körner: „Christliche Sozialökonomie – Auf dem Weg zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ Religion & Kultur Verlag, Zell am Main 2017, 234 S., Taschenbuch, € 20,–, ISBN 978-3-93389-129-7 https://buch-findr.de/buecher/christliche-sozialoekonomie/ - - -

Ausgerechnet 1989 reichte Christoph Körner, Autor des vorzustellenden Buches, seine Dissertation bei der Universität Leipzig ein. „Not und Notwendigkeit der politischen Predigt. Erwägungen zu einem homiletischen Problem“ lautete das Thema. Diesem ist er treu geblieben und weitet es nun auf die Sozialökonomie aus; denn er will den Graben zwischen Frömmigkeit und Wirtschaft überwinden. Für ihn steht fest, dass Loyalität gegenüber der biblischen Überlieferung und Solidarität mit der Weltgesellschaft zusammengehören, und zwar nicht erst bei ihm, sondern originär von den Quellen her. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung/Natur müssen Sachinhalte von Wort und Tat derjenigen bleiben, die sich zu dieser Tradition bekennen. Das ist vielen Menschen in den Kirchen nicht bewusst und jenseits derselben noch viel weniger. Körner steuert gegen. Dieser theologische Aufklärer! Stützen kann er sich dabei auf die Erfahrungen der ethisch-ökologisch orientierten Gruppen aus der Endzeit der DDR und auf den fast vergessenen Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aus ebenderselben Epoche: Jede Existenz ist politisch, die Rückkopplung an die biblische Tradition lässt erkennen, dass Politik dennoch nicht alles ist. Damals wurde ausgesprochen, dass der Mensch von der sogenannten „Krone der Schöpfung“ längst zur „Krone der Erschöpfung“ mutiert ist. Es geht um Rettung der Ressourcen und einen generationengerechten Zugang zu ihnen, gegen das Wachstumsdogma und die Vernichtung der „Mitwelt“. Das soll nicht als allgemeine Theorie proklamiert werden, sondern wird Inhalt einer Selbstverpflichtung „zu einem persönlichen Aufbruch“ (S.21).
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Das Thema Gerechtigkeit bringt Körner ein als Forderung nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Die alten Verabredungen sind gebrochen worden. Der Staat etwa ist schon lange nicht mehr unabhängiger Schiedsrichter, sondern Vertreter der partikularen Interessen von Autoherstellern, Landwirten und Chemieindustrie. Das hat der Autor schon 1999 und 2005 vorgetragen und vertieft es nun im Blick auf die Unabhängigkeit der parlamentarischen Volksvertretung, Verstärkung der Bürgerinitiativen, Geschlechtergerechtigkeit und Partizipation anstatt Neoliberalismus. Damit sind Ziele des langen Weges vom „Pathos des Großen“ zum „Ethos des Kleinen“ umrissen.
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Zum Schwerpunkt ”Frieden“ schöpft Körner aus dem reichen Fundus seiner lokalen Praxis und überregionalen Vernetzung. Tagebuchauszüge dokumentieren, wie er mit Verbündeten sich dafür einsetzte, feindselige Abgrenzungen zu überwinden, beispielhaft dargestellt an den Friedensgebeten für Kuwait im damaligen Golfkrieg. Er organisierte in der Hochschulstadt Mittweida Demonstrationen und Mahnwachen, deren Offenheit beileibe nicht generell begrüßt wurde. Denn daran beteiligten sich auch Vertreter von Grünen und PDS, sowie Schüler – und alles nicht nach Konfession sortiert. Auch der eigene Kirchenvorstand stellt sich gegen den Friedensaktivisten, Pfarrer der Ortsgemeinde und der Evangelischen Studentengemeinde. - - -

Körner lebt, handelt und argumentiert aus Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer sie formuliert hat. Dazu gehören heute „vorausschauende Gefahreneinschätzung“ und Einsatz für nachhaltige Entwicklung – also leben und arbeiten im Einklang mit der Natur und nicht mit dem Effekt ihrer Zerstörung durch rücksichtslose Verwertung.
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Mehrfach wird die Rolle des Geldes als Schatz- und Gewaltmittel in der Gesellschaft reflektiert, aber vor allem seine Entmachtung und Indienstnahme für die Entfaltung von Leben. Dabei kommt auch das verdrängte Kapitel des kirchlichen Devisenflusses von West nach Ost bei starkem Interesse des DDR-Staates zur Sprache. Darüber hinaus entfaltet der Autor hier angedeutete Aspekte seiner Theorie und Praxis des Geldes noch einmal auf vierzig Seiten und setzt sich vehement ein, den „metaphysischen Charakter des Geldes“ zu entmythologisieren. Zustimmend zitiert er Binswanger: „Die moderne Wirtschaft ist eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln.“ (S. 148) Körner kann auf zahlreiche nachhaltige Experimente in verschiedenen Regionen verweisen, durch die solche Entmythologisierung erfolgt und eine Währung praktisch als ursprüngliches Tauschmittel wieder eingesetzt wird: „Regiogeld als Mittel für regionales Wirtschaften“. Entsprechend plädiert Körner, was den Umgang mit dem Boden angeht, für eine Ökogerechtigkeit, die Staunen als „eine ursprüngliche Erfahrung des Heiligen in dem, was nicht unser ist, sondern geliehen oder anvertraut“, interpretiert. Ebenso plädiert er für „die prophetische Forderung der Gerechtigkeit“, die allen Lebewesen ihren Anteil am Leben selbst lässt.
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Für Körner verdient nicht nur Schaffen im Erwerbsinteresse den Titel „Arbeit“, sondern alles Tun für Haus und Familie sowie auch die physische und psychische Regenerationsarbeit. Für alle sollte es Einkommen geben! So wird das Ganze zu einem Kontrastprogramm, um die globalen Fehlentwicklungen zu überwinden. Körner stiftet communities einer „Mikrokontrastgesellschaft“ an, sich dem Kampf zwischen David und Goliath zu stellen. Bei Kenntnis der antiken Erzählung eine hoffnungsvolle Perspektive, insbesondere, wenn auf der Makroebene die vom Autor genannten Bündnisse mit anderen sozialen Bewegungen wie ATTAC und Gewerkschaften berücksichtigt werden.
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Vor dem Schlusskapitel fügt der Autor überraschend eigene Prosa und Lyrik zum Thema Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ein. So findet die Leserschaft neben aller analytischen Ratio auch befreiende Emotionen in den unterschiedlichen literarischen Formen. Das gehört gewissermaßen auch zur Schlussbilanz, in der Körner dokumentiert, wie christliche Sozialökonomie langsam immer weitere Kreise erfasst.

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Freiraum Mensch: Eine Stadt auf dem Weg – Uta Atzpodien und Florian Schmitz

Mi, 01/03/2017 - 18:59
Ähnlich wie in einem Körperkreislauf pulsieren die wirtschaftlichen Adern in der Stadt Wuppertal. Im alltäglichen Leben begegnen sich so Menschen, Unternehmen und Orte als Akteure. Doch wohin geht die ökonomische Reise? Schon historisch war Wuppertal eine fragende, auch hinterfragende Stadt – allein das Engelshaus spricht für sich. Der kritische Blick auf Wachstum, Geld, soziale Ungleichheit, Krisen und parallel das Suchen nach neuen, gemeinschaftlichen Perspektiven prägen das städtische Mobile. Ein neues Denken und Handeln wird immer relevanter.
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Wohin geht die Reise? Wir besuchen zunächst einige etablierte Akteure im wirtschaftlichen Gefüge: den Verein wuppertalaktiv!, die IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid, die Neue Effizienz, die GEPA, die Firmengruppe Küpper, den Verein proviel und den Lernort in der Silvio-Gesell-Tagungsstätte. Steht allein das Geld im Mittelpunkt? Wie viele andere Städte ist Wuppertal finanziell gebeutelt. Was die Metropole im Bergischen Land allerdings auszeichnet ist das Engagement ihrer Menschen. Sie sind aktiv und bringen viel in Bewegung. Ihr Wirken flackert überall auf. Das wird auch über die Grenzen der Stadt hinaus immer mehr wahrgenommen. Mit einem einfachen, fast kindlichen Blick bewegen wir uns forschend durch Wuppertal: Eine Stadt im Wandel und selbst auf der Reise zu dem, was sie ausmacht.
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In Wuppertal wie auf der ganzen Welt gibt es viele und immer wieder neue Herausforderungen. Wir alle leben in einer brisanten gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Situation. Umso wichtiger sind die Lösungen, die jetzt gefunden werden müssen – ganz besonders für die nachwachsenden Generationen. Die Unternehmerinnen und Unternehmer sehen sich mit einem Spagat zwischen Gewinn und Haltung konfrontiert. Der Erfolg von nachhaltigem Wirtschaften zeigt sich manchmal erst mittel- oder gar langfristig. Und nicht immer ist er in Zahlen messbar.
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Dennoch gibt es viele Unternehmer in Wuppertal, die Konzepte aufgreifen oder selbst entwickeln. Die Stadt sieht sich selbst als Transformationsstadt, in der ein bewusster Umgang mit Veränderung eine große Rolle spielt. Unternehmen verbinden Menschen und Wirtschaft nicht nur als Arbeitgeber, sondern sind auch ein Motor der Stadt. Was liegt den Menschen am Herzen, um sinnvoll die gemeinsame Zukunft zu gestalten? So vielseitig die Blicke von den Hängen ins Tal sind, so inspirierend sind die Ansätze der Macherinnen und Macher.
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Aus-Tausch macht aktiv
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Die erste Station der Reise liegt fast 200 Meter höher als die Talsohle der Stadt. Dort thront das W-Tec über Wuppertal. Näher am Himmel kann man sich im Stadtteil Elberfeld kaum aufhalten. Von der Lise-Meitner-Straße schaut man sogar noch auf die Bergische Universität hinab. Das Technologiezentrum W-Tec hat sich den Slogan „Ideen mit Zukunft“ gegeben. Mehr als 200 Unternehmen sind hier zuhause. Und mittendrin der Verein wuppertalaktiv!, der seit 20 Jahren zwischen Privatpersonen, Organisationen und Initiativen netzwerkt.
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Geschäftsführerin Antje Lieser sitzt in ihrem Büro, das Wetter ist gut, aber weil draußen permanent der Brunnen vor dem Haus plätschert, hört es sich an, als würde es regnen. Damit kommen Wuppertaler klar, und Antje Lieser weiß, womit die Wuppertaler Unternehmer sonst noch so zurechtkommen müssen. „Die Werte verschieben sich. Arbeitnehmer messen nicht mehr nur in Euro, sondern auch in Miteinander, Respekt und Freizeit. Es nimmt deutlich zu, dass junge Mitarbeiter abwägen. Das passiert auch bei Arbeitgebern, die viel Geld bezahlen“, sagt Lieser. Engagierte, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könne ein Unternehmen nur dann überzeugen und halten, wenn es einen gesunden Mix anbiete. Geld allein reiche nicht aus: „Das hat sich total verschoben“.
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Einen zentralen Punkt hat wuppertalaktiv! in der Familienfreundlichkeit ausgemacht. Flexible Arbeitszeiten seien ebenso gefragt wie die zunehmende Kinderbetreuung durch die Unternehmen. Ein Beispiel sei die eigene Kindertagesstätte des Versicherers Barmenia. Seit Oktober 2014 werden 24 „Barminis“ in der Betriebskita aufgenommen, damit Mutter und Vater am Arbeitsplatz stressfreier sind. Am anderen Ende der Altersskala stehe die Pflege der eigenen Eltern. „Auf Verständnis des Arbeitgebers zu treffen, ist für viele mehr wert als ein paar Euro mehr in der Tasche zu haben“, sagt Antje Lieser.
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Wuppertal sei in den letzten zehn Jahren im Wandel. „Unsere Stadt erfährt eine Transformation, die in der ganzen Republik wahrgenommen wird. Wir lassen uns nicht schnell die Butter vom Brot nehmen und hoffen nicht auf irgendwelche Fördermittel. Es gibt viele besondere Menschen, die das leben. Die Wuppertaler machen einfach was – das finde ich bemerkenswert, und das wollen wir bündeln und unterstützen.“ Das Engagement strahle auch nach außen. Wuppertal wächst. 355.300 Einwohner wurden Anfang 2016 gezählt, 5000 mehr als im Jahr zuvor. Der freie Fall der „sterbenden Stadt“ ist vorerst gestoppt. Auch intern will der Verein sich transformieren. Dazu zählt, dass mehr Mitglieder mit Zuwanderungsgeschichte gewonnen werden sollen.
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Fortschritt nach Rückschritt
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Von den Höhen geht es hinab ins Tal. Am Islandufer hat Thomas Wängler sein Büro, in einem denkmalgeschützten Verwaltungsbau der 20er Jahre. Der Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer Wuppertal-Solingen-Remscheid (IHK) weiß, dass es wichtig ist, wirtschaftliche Gedanken immer wieder auf die Basis herunter zu brechen. Erst dann gehe es in die Details, wie ein Unternehmer bezahlt und wie er sich um die Mitarbeiter kümmert.
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„Der Sinn von Unternehmen ist es sicherlich erst einmal, Gewinn zu erwirtschaften – das ist der Ansporn, ein Unternehmen überhaupt zu gründen. Durch den Gewinn haben andere Menschen die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz zu bekommen, Geld zu verdienen und sich selbst zu verwirklichen. Dieses Grundprinzip sollte man sich immer vor Augen führen“, sagt Wängler. Das Wort Profit sei zwar heutzutage häufig „negativ besetzt“, so Wängler, aber darauf sei Wirtschaft schließlich zu gründen, dass Menschen davon profitieren.
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Werte und Ethik seien bei den Unternehmen im Bergischen Städtedreieck immer wichtig gewesen. „Ich weiß mit welcher wahnsinnigen Verantwortung und auch Menschenfreundlichkeit viele unserer Unternehmerinnen und Unternehmer agieren. Das ist nichts Neues. Der Fokus hat sich in der letzten Zeit aber viel mehr darauf gerichtet“, sagt Wängler. Ein Beispiel sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die IHK bezeichnet die Familie als „Erfolgsfaktor“. Seit gut zehn Jahren gibt es einen Arbeitskreis, der unter anderem einen Preis auslobt für das familienfreundlichste Unternehmen.
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Gesellschaftliche Entwicklungen kommen bei den Unternehmen an; zum Beispiel, dass auch Männer sich um die Familie kümmern und eine ausgeglichene Work-Life-Balance für viele immer wichtiger wird. Das gelte übrigens auch für die Firmenchefs und -chefinnen selbst. Mitarbeiterbindung ist ebenfalls ein großes Thema, um die Zufriedenheit zu erhöhen, auch in Wuppertal. „Da sind die bergischen Unternehmen, gerade die Mittelständler, ziemlich führend. Die wissen, wie sie ihre Mitarbeiter binden können. Die machen das aber auch freiwillig und nicht mit Kalkül.“
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Wängler zu Wuppertal: „Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob sich in der Stadt etwas bewegt, hätte ich Nein gesagt. Heute sage ich: Natürlich. Die Stadt verändert sich ständig, alleine durch die großen Bauprojekte. Nach längerem Stillstand, wenn nicht sogar Rückschritt, tut sich etwas in der Stadt.“
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Mit weniger mehr
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Stillstand erlebt man an der Theke des Café Milias selten. In dem Lokal vor der Citykirche in Elberfelds Fußgängerzone tummeln sich studentisches Leben, Ideen und Denker. Ein guter Ort, um Jochen Stiebel von der „Neuen Effizienz“ zu treffen. Sie führt Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen zusammen. Sie zeigen Kreisläufe auf. Sie vermitteln. Sie entwickeln und steuern Konzepte rund um die Themen Ressourcen und Energie. Gemeinsam, lokal verwurzelt und innovativ wollen sie neue Wege aufweisen. Bei dem Slogan „Mehr mit weniger“ geht es um die Reduktion, aus der ein Mehrwert entsteht. Es ist ein Neu- und Andersdenken. ...

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Ein Plädoyer für Vernunft in ungewissen Zeiten – Andreas S. Lübbe

Mi, 01/03/2017 - 18:48
Vorwort
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Vernunft beinhaltet die Fähigkeit, mithilfe seines Verstandes durch Beobachtung und Erfahrung Zusammenhänge durch Schlussfolgerungen herzustellen, deren Bedeutung zu erkennen, Regeln und Prinzipien aufzustellen und danach zu handeln. Menschliche Entscheidungen unterliegen nicht immer der Vernunft. Das Gefühl ist eine begleitende psychologische Grundfunktion. Zu ihr gehören Emotion und Intuition. Manchmal ziehen Verstand und Gefühl in eine Richtung, mitunter gehen beide getrennte Wege.
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So waren es weniger vernunftgesteuerte Entscheidungen, die den Rassisten, Sexisten und Demagogen Donald Trump zum Präsidenten machten. Seine Wähler vertrauten diesem ganz auf Emotion setzenden Kandidaten, brachten ihm mehr Gefühl entgegen, als seiner Konkurrentin, obwohl der Verstand ihnen sagte oder hätte sagen müssen, jedenfalls sie hätte wissen lassen können, dass er in der Vergangenheit zu häufig die Unwahrheit gesagt hatte. Hillary Clinton hingegen nahm man die Wahrheit, die sie vernunftgesteuert von sich gab, jedenfalls die objektivierbaren Daten und Fakten, am Ende nicht mehr ab. Zu wenige schenkten ihr das für einen erfolgreichen Wahlausgang notwenige Vertrauen.
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Daten und Fakten, Wissen und Vernunft scheinen bei vielen Wählern immer weniger Gewicht zu besitzen. Es scheint in einer quasi postfaktischen Zeit vor allem das Gefühl zu sein, auf das es ankommt, um eine Wahl zu gewinnen. Zugleich muss sich jeder Kandidat oder jede Partei zugleich verschiedenen „Wirklichkeiten“ stellen und es mit einer realen und einer virtuellen oder einer analogen und einer digitalen Öffentlichkeit aufnehmen. Oder auch wie bei Baudrillard mit der „Scheinhaftigkeit der Wirklichkeit“.
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Man kann angesichts der zunehmenden Manipulation von Wahrheiten auch feststellen, dass erdachte „Hintergrundwirklichkeiten“ heute reale „Vordergrundwirklichkeiten“ verdrängen und somit selbst zur Vordergrundwirklichkeit mutieren. Damit würde das Irreale zur Realität. Es wäre zum Beispiel der Fall, wenn amtliche Zahlen, offizielle Statistiken und messbarer Lebensstandard von immer mehr Bürgern als Tatsachen ignoriert und diese damit anfällig für Unwahrheiten würden. Seriösem Journalismus bringt man mehrheitlich (60:40) schon längst kein Vertrauen mehr entgegen und Minderheiten diffamieren ihre Vertreter pauschal sogar als „Lügenpresse“. Politische Entscheidungsträger gelten angeblich immer häufiger als „weltfremd“ und das intellektuelle „Establishment“ als abgehoben. Das wird solange behauptet, bis es zur normativen Kraft wird. Mit ihnen will man als Wähler nichts zu tun haben. Wehe den Technokraten an den Schreibtischen in Brüssel, die sich mit Bürokraten über die Zukunft der europäischen Jugend streiten. Faktenfixierten, die mit wissenschaftlicher Methodik zu klären versuchen, was besser mit Emotion und Bauchgefühl, Lebenserfahrung und Menschenliebe gerichtet werden könnte. Die postfaktische Realität hat Europa längst erreicht, nur, dass auf der Gefühlsebene anstatt von Liebe und Vorsorge oder Verständnisbereitschaft und Hingabe vor allem Hass und Größenwahn dominieren oder Wunschdenken und Wut. Mit Wut verabschiedeten sich englische Bauern aus der EU oder die weißen Männer mit niedrigem Bildungsstand aus Kentucky vom Washingtoner Establishment.
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Immer häufiger stoßen Demagogen und Populisten in den sozialen Medien auf große Zustimmung, nachdem sie Teile der Wahrheit in manipulativer Absicht einfach weggelassen haben. Den unüberhörbaren Akteuren im Netz und auf den Straßen sind Fakten und Zusammenhänge zumeist fremd oder wenigstens unangenehm. Die Bezeichnung bildungsfern trifft es teilweise, andere sind datenresistent oder einfach verklärt. Damit läge der Ball allerdings auch im Spielfeld der Verantwortungsträger, also der Familie und der Gesellschaft, nicht zuletzt „der (Bildungs-)Politik“. Ihre Aufgabe hätte es sein sollen die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass trotz aller Unterschiede jedes Kind nach seinen Talenten, Fähigkeiten und Motivationen gefördert wird. Beide, die politische und die gesellschaftliche Klasse haben bei der konkreten Zubilligung der „Chancengleichheit“ in den meisten Ländern versagt und tun es weiterhin. Man ließ zu, dass fast ein Fünftel der jungen Leute keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss erhält und mit seiner Zeit wenig Vernünftiges anzufangen weiß. Ich nenne es komplettes Bildungsversagen. Dass sich daran bislang wenig geändert hat, ist bildungsbürgerliche Arroganz, nicht die falsche Behauptung, der Journalismus trüge eine Mitschuld, weil er über die Misere nicht berichtet hätte. Das hat er; folgenlos. Jeder vierte Jugendliche in Europa wartet auf einen Arbeitsplatz. Weiterqualifizierungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die den Namen verdienen und die quantitativ überzeugen sucht man weiterhin vergeblich. Eine komplette Generation wurde leichtfertig verloren gegeben. Was nutzen Maastricht Kriterien, wenn die Menschen am Existenzminimum darben?
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Bildungsferne und Datenresistenz nehmen Einfluss auf das Verhalten der Wähler. Man bastelt sich seine persönliche Wahrheit, wählt Quellen die einem gewünschte (oft einseitige, leicht verdauliche, dem Boulevard entstammende) Informationen liefern oder bedient sich gleich ganz unseriöser Nachrichtendienste. Zwei von drei Amerikanern informieren sich über die Ereignisse im Land oder auf der Welt über sie sozialen Medien. Dabei scheint neben dem Wissen auch das Gewissen, das den inneren Gefühlen Einhalt gebietende Über-Ich, immer häufiger außer Kraft gesetzt. Verantwortliche haben dabei versagt die Menschen aufzuklären, mitzunehmen und mit ihnen über berechtigte Ängste zu sprechen. Das Weltgeschehen ist nun mal sehr komplex. Anstatt das zuzugeben hüllen Verantwortungsträger aus der Politik das Wahlvolk lieber in Watte, werfen sich banale Dinge an den Kopf oder dramatisieren Banalitäten. Der Gipfel der Obszönität ist dann das Angebot der Populisten von einfachen Lösungen für komplexe Sachverhalte mit dem alleinigen Ziel dem Volk zu gefallen. Nicht jeder spürt diese Schwindelei. Noch schätzen die meisten Menschen Ehrlichkeit und Authentizität, auch bei unangenehmen Sachverhalten und entlarven die Schaumschläger und Wendehälse. Zugleich ist das Herabwürdigen von Spitzenpolitikern mittlerweile zum Volkssport geworden. Als seien sie nach Belieben zu ersetzen. Man fordert bruchlose Biografien ohne jeden Makel. Gestattet man sich jedoch einen länderübergreifenden Blick, findet sich kaum ein anderer Staat mit besserem Spitzenpersonal. Begehen die „Eliten“ Straftaten („Dieselgate“, Strafzahlungen der Deutschen Bank, „Panama Papers“, Korruption bei FIFA und DFB, Vertuschung von Doping durch die WADA u. a.) untergräbt dies das Vertrauen zusätzlich und macht für Populisten erst recht anfällig. Die Reaktion darauf durch das Wahlvolk ist allzu menschlich. Man zieht sich zurück, setzt auf nationale Grenzen, stimmt in das Lied gegen die Globalisierung ein und stellt sich hinter diejenigen, die einem einfache Lösungen anbieten, Ängste ernst nehmen oder so tun als ob. Der Mensch ist eben ein Mängelwesen, changierend zwischen Streben nach Perfektion und Abgrund.
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Nun kann man über den Lauf der Welt natürlich unterschiedlicher Meinung sein. Reiner Positivismus und die Fixierung auf Faktizität, in der nur das Messbare und Mathematische Gültigkeit besitzt, kann nicht Grundlage unserer Kultur sein. Jeder Mensch konstruiert sich seine eigene Welt. Jeder von uns trifft Entscheidungen darüber, was er als Fakten anerkennt. Worauf es allerdings ankommen muss, ist, wie informiert und wie differenziert die Entscheidungen getroffen werden und welche Ziele, Pläne und Visionen sich daraus ableiten. Zu streiten kann sehr inspirierend sein. Doch wenn Tatsachen nicht anerkannt werden, der Klimawandel als Hirngespinst abgetan wird, oder wenn diejenigen, die sich zur Gentechnik äußern nicht die möglichen Vor- und Nachteile kennen, oder wenn, im Falle des Brexit, mit falschen Zahlen zum Gesundheitswesen auf Stimmenfang gegangen wird, dann ist eine Diskussion erledigt.
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Mindestens drei Phänomene prägen also die Gegenwart der westlichen Industrienationen und bedrohen sie zugleich: eine große Zahl bildungsferner oder verklärter Menschen, einzelne oder Gruppen, die es auf sie abgesehen haben und mit erfundenen Wahrheiten und konstruierten Behauptungen durch die Gassen und Gossen der Affekte ihre Ziele verfolgen sowie die sozialen Medien in Kombination mit modernen Computeralgorithmen. Sie verbreiten die Fiktionen oder Lügen (als Fakten deklarierte Fiktionen) in Windeseile und mit hohem Streupotenzial, wie etwa in den USA die Lüge der Papst hätte sich für Trump ausgesprochen.
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Demokratische Legitimation auf der Grundlage von Lügen ist demnach keine. Spätestens an dieser Stelle offenbart sich ihre Schwäche. Wer Mehrheiten kategorisch als das Maß der Dinge ansieht, setzt die Vernunft außer Kraft, wenn sie durch Unwahrheiten zustande kommen. Unter diesen Umständen sind Wohlergehen und Frieden einer Gesellschaft in Gefahr. Nun gehören zur Demokratie mehr als nur die Mehrheit der Stimmen und der Auftrag zur Bildung einer Regierung. Die Verfassung und die Gewaltenteilung sind fester Bestandteil von „checks and balances“, aber auch die Grundordnung inklusive eine Begrenzung der Amtszeit begrenzen die Folgen individuellen Fehlverhaltens. Dem Establishment, den Intellektuellen, Politikern, Journalisten und Lehrern wird nichts anderes übrigbleiben, als die Auseinandersetzung auf den Plätzen, im Netz und in den Parlamenten zu suchen. Einfach wird das nicht. Es stellt sich nämlich nicht nur die Frage, auf welche Weise ein solcher Austausch möglich sein kann. Es erfordert zunächst das Eingeständnis, sich darauf einlassen zu müssen. Dieser Artikel will einen entschiedenen, mitunter auch einen vorsichtigen Blick in die Zukunft wagen.
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Vom Wert der Freiheit
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Über die kommenden Jahrzehnte werden politische, klimatische, biologische, geografische und wissenschaftliche Ereignisse das Weltgefüge so erheblich beeinflusst haben, dass die Bedingungen unter denen die Menschen dann auf der Erde leben mit den heutigen kaum vergleichbar sein dürften. Die elementaren Bedürfnisse und Ziele von Homo sapiens hingegen werden weiter Bestand haben. Frieden und Sicherheit, Freiheit und Wohlstand gehören dazu, wie auch eine stabile Gesundheit und ein erfüllender Arbeitsplatz. Der Wunsch und Wille, dass es auf der Welt endlich gerechter zugeht und es die kommenden Generationen besser haben als heute, gehört mit dazu. Man kann sich im Paradies nicht wohlfühlen während es andernorts wie in der Hölle zugeht. Unsere Evolution hat dazu geführt, dass sich die Werte von Freiheit und Gerechtigkeit in viele Regionen unseres Globus verbreiten konnten. Auch wenn religiös motivierte Ereignisse die erkämpfte Freiheit schon immer gefährdeten, so will sie der Mensch an sich. Jede Religion kann auf Dauer nur bestehen, wenn sie dem Individuum ein Mindestmaß an Freiheit gestattet. Wenn sie der Frau die gleichen Rechte zugesteht wie dem Mann. Wenn sie der Gewalt abschwört und andere Formen des Glaubens oder auch den Nichtglauben respektiert. ...

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Menschenrechte in „Aldi Süd“ – Pat Christ

Mi, 01/03/2017 - 18:47
Vor zehn Jahren sorgte Hörsaal-Sponsoring für Aufsehen. Heute ist das ganz normal. - - -

Das Licht flackerte, die drehbaren Stühle waren ausgeleiert, die Tische zerkratzt – der Hörsaal Z09 der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt musste vor zehn Jahren dringend renoviert werden. Der Discounter Aldi Süd ermöglichte dies durch eine fünfstellige Spende. Darum heißt der Hörsaal seit dem Wintersemester 2006/2007 auch offiziell „Aldi Süd“. Seinerzeit war die Aufregung um diesen Schritt groß. Heute ist es selbstverständlich, zur Vorlesung in „Aldi Süd“ zu gehen.
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Anfang Oktober 2006 entdeckte Studentin Janina die Umbenennung ihres Hörsaals. Sie lehnte die Maßnahme komplett ab: „Ich will kein Bild vom Unternehmen Aldi im Kopf haben, wenn ich in den Hörsaal gehe.“ Überhaupt, was habe das Unternehmen mit dem Inhalt ihrer Lehrveranstaltungen zu tun? Zwar dürfte ein Unternehmer nach ihrer Ansicht Geld für Sanierungsarbeiten zur Verfügung stellen: „Aber warum genügt als Dank nicht eine kleine Tafel irgendwo im Saal?“ Tom, ihr Kommilitone, ärgerte sich ebenfalls. Auf die Frage, wohin er nach dem Mensaessen gehe, wolle er künftig nicht antworten müssen: „In Aldi-Süd.“
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Gegen eine Spende des Unternehmens hätte auch Tom nichts gehabt. Dass der Discounter aber offenbar auf die Umbenennung des Hörsaals gepocht hatte, störte ihn gewaltig: „Traurig ist, dass die FH da mitgeht“, meinte er. Ähnlich äußerte sich seine Kommilitonin Corinna. Durch die neue Namensgebung würde die Assoziation „billig“ geweckt, fand sie.
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Dass ausgerechnet Aldi den ersten Firmenhörsaal der Würzburger Fachhochschule taufte, kam nicht von ungefähr. Schon lange kooperiert das Unternehmen mit der Hochschule, erklärte der damalige FH-Präsident Heribert Weber der Presse. So war Aldi Süd vor zehn Jahren der größte Anzeigenkunde des zu jener Zeit noch in Papierform veröffentlichten Studienführers.
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Viel zu wenig Staatsmittel
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Der seit langem marode Haupthörsaal der Fachhochschule hätte ohne den Discounter als Sponsor nicht erneuert werden können, da staatliche Sanierungsmittel bei weitem nicht ausreichten, machte Weber damals klar. Der Sponsorenvertrag bescherte der Fachhochschule über fünf Jahre hinweg eine insgesamt fünfstellige Summe. Im Übrigen halte er Aldi für einen „sinnvollen“ Sponsor, so Weber. Verträge mit Beate Uhse hätte er hingegen nicht unterschrieben. Auch politische Institutionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften wären als Sponsoren nicht in Frage gekommen, da „wir zur Neutralität verpflichtet sind“.
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Axel Polossek, Geschäftsführer von Aldi Süd in Helmstadt (Kreis Würzburg), betonte damals bei der offiziellen Präsentation des Sponsorings, dass das Unternehmen kein Interesse daran habe, die Studiengänge an der FH zu beeinflussen. Der Sponsorenvertrag hätte für die Fachhochschule darum definitiv „keine inhaltliche Abhängigkeit“ zur Folge. Die Firma wolle „bei den Studenten lediglich das Image von Aldi Süd als Arbeitgeber aufpolieren“.
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Auf der Jagd nach Führungskräften
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Dieses Image sei zu Unrecht negativ, bestätigte damals Professor Ulrich Müller-Steinfahrt, Initiator des Sponsorings. Durch vierwöchige Praktika bei Aldi sollten die Studenten hinter die Kulissen des Unternehmens blicken und Vorurteile abbauen können. Dadurch will sich Aldi Süd bei der Jagd auf potenzielle Führungskräfte unter den FH-Absolventen gegen die bislang für Studenten weit attraktiveren Arbeitgeber Industrie, Banken und Versicherungen durchsetzen.
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Auf massive Kritik stieß die Kooperation seinerzeit bei der damaligen Grünen Landtagsabgeordneten Simone Tolle. Sie hatte einst selbst im Hörsaal Z09 studiert. „Ordentliche Rahmenbedingungen sind in Zukunft offenbar davon abhängig, ob es den Universitäten und Fachhochschulen gelingt, Sponsoren zu finden, die die Aufgaben des Staates übernehmen“, kommentierte sie.
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Inzwischen ist es in Würzburg vollkommen normal geworden, dass interne oder externe Veranstaltungen im „Hörsaal Aldi Süd“ stattfinden. So begrüßte der jetzige Präsident Robert Grebner zu Beginn des vergangenen Wintersemesters die Studierenden aus den einzelnen Fakultäten im Aldi-Süd- und im Sparkassen-Hörsaal. Die Würzburger Menschenrechtswoche fand Ende 2016 ebenfalls im „Aldi-Hörsaal“ statt. Auch zum „Gerontologischen Abendkolleg“ strömte das Publikum in diesen Saal hinein.
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Siebter Hörsaal-Sponsor
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Sponsoren wurden inzwischen auch für andere Hörsäle der Fachhochschule an den Standorten Würzburg und Schweinfurt gefunden. So benannte man die Aula am Standort Schweinfurt in „Warema Renkhoff Aula“ um. Anlässlich der Umbenennung informierte die Hochschule in einer Pressemitteilung, dass dies nun die siebte Hörsaal-Sponsoring-Maßnahme gewesen sein. Zu den weiteren Sponsoren zählen am Standort Würzburg inzwischen neben Aldi Süd die Sparkasse und Salt Solutions, am Standort Schweinfurt wurden Hörsäle in Fresenius Medical Care, Else-Kröner sowie Leonie umbenannt.
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Laut Hochschulwatch stammen mittlerweile über 30 Prozent aller von der Würzburger Fachhochschule eingeworbenen Drittmittel in Höhe von insgesamt 2,7 Millionen Euro von der Wirtschaft (letzter Stand 2013). Das ist nicht einmal sonderlich viel. Noch aktiver ist zum Beispiel die Hochschule in Konstanz. Sie schaffte es 2013, fast 1,7 Millionen Euro von der Wirtschaft einzuwerben. Das waren 54 Prozent aller Drittmittel. Zum Vergleich: Die Uni Wuppertal brachte es 2013 auf nur 18 Prozent. Hier gibt es auch (noch) keine gesponserten Hörsäle. Allerdings wird durchaus mit der Wirtschaft kooperiert. Zum Beispiel in Form mehrerer Stiftungsprofessuren.
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Die Volkswagen-Stiftung ermöglichte es beispielsweise 2007, eine Professur für Mathematische und Theoretische Physik einzurichten. Angehende Gesundheitsökonomen werden seitdem von Spezialisten ausgebildet, deren Professuren Akteuren auf dem Gesundheitsmarkt wie dem Helios Klinikum oder dem Sana Klinikum zu verdanken sind. Insgesamt sieben gesundheitsökonomische Professuren wurden inzwischen von Wirtschaftsunternehmen gestiftet.
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Weitere Aldi-Hörsäle
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Aldi wiederum beließ es keineswegs beim Hörsaal-Sponsoring in Würzburg. Im April 2016 wurde der Hörsaal 104 in Gebäude 16 der Hochschule Reutlingen offiziell als „Hörsaal Aldi Süd“ präsentiert. Für eine praxisorientierte Hochschule sei die Zusammenarbeit mit Partnern aus Industrie und Wirtschaft von großer Bedeutung, hieß es bei der Vorstellung der Kooperation. Dazu gehöre auch Hörsaalsponsoring, da dies Unternehmen ermögliche, „das Interesse der Studierenden zu wecken und gleichzeitig zur Förderung der Hochschule beizutragen“.
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An den Hochschulen in Düsseldorf und Kempten gibt es ebenfalls jeweils einen „Hörsaal Aldi Süd“. Kempten hat es geschafft, sich inzwischen 34 Hörsäle sponsern zu lassen. „Hörsaalsponsoring sichert Ihnen eine permanente Präsenz auf dem Campus“, heißt es dazu vom Kemptener „Career Service“. Wie endgültig der Tabubruch ist, zeigt die Werbung der Technischen Hochschule Nürnberg. Hörsaalsponsoring gilt als „Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung“: „Dadurch kann Ihr Unternehmen einen Imagegewinn verzeichnen.“ Unter eben diesem Vorzeichen wird jedes neue Hörsaalsponsoring der Presse präsentiert. Elf Sponsoren sind inzwischen gefunden. ...

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Ökonomisches Denken nach dem Crash – Christian Mayer

Mi, 01/03/2017 - 18:40
Eine Buchbesprechung… und mehr - - -

Die Lehre der Ökonomie ist in der Krise. Das möchte man heute kaum noch lesen, so oft stieß man in den letzten Jahren über diesen Satz. Kritisches zur Mainstreamökonomie füllt mittlerweile ganze Regalreihen. So gesehen hatte die Krise auch etwas Positives. War es Visionären und Kritikern bis vor ein paar Jahren gar nicht möglich, das System tiefgreifend auf den Prüfstand zu stellen. Wer es als wissenschaftlicher Mitarbeiter gewagt hat, die heilige Kuh der Ökonomie – die Neoklassik – öffentlich zu diskreditieren, der spielte mit seiner wissenschaftlichen Reputation und nicht zuletzt mit einer ganz lebenspraktischen Entwicklung: mit seiner beruflichen Karriere.
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Dass das was Studenten in den ersten Semestern als Denkstrukturen in ihren Köpfen zementieren müssen einer kritischen Beschauung nicht standhalten kann, ist mittlerweile Allgemeingut. Doch wie sieht diese Welt aus, die dort im Elfenbeinturm konstruiert wurde und die sich junge Studenten der Muttermilch gleich einverleiben müssen, auf dass sie auf Linie gebracht werden? Oder anders gefragt: Wie sieht diese Welt aus, wenn man sie einmal zwischen all den mathematischen Formeln herauszieht und in verständlicher Prosa präsentiert? Oder nochmal anders gefragt: Wie sehen Neoklassiker die Welt?
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Wunderbar plastisch hat dies der US-amerikanische Ökonom John Komlos in seinem Werk „Ökonomisches Denken nach dem Crash. Einführung in eine realitätsbasierte Volkswirtschaftslehre“ formuliert. Komlos, der bis zu seiner Emeritierung 2010 das Institut für Wirtschaftsgeschichte an der LMU München geleitet hat, schreibt dort:
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„Super-Rationalität herrscht in diesem utopischen Reich voll von Konsumenten, die ausreichend gebildet sind, um jedes Detail der Wirtschaft zu kennen und zu verstehen, und daher stets nichts weniger als das Beste tun, um ihren Nutzen zu maximieren. Sie besitzen ein perfektes Verständnis von allen Nuancen im Kleingedruckten von Verträgen und eine vollkommene Voraussicht von Anfang bis zum Ende ihres Lebens. Informationsüberflutung ist kein Problem für Otto Normalverbraucher und die Welt ist voll von Informationen, die jederzeit frei und unmittelbar verfügbar und kinderleicht zu verstehen sind. Menschen treten als Erwachsene ins Wirtschaftsleben ein, in ihren Vorlieben und Geschmäckern voll ausgebildet, werden aber gleichzeitig in ihrer Kindheit von Unternehmen nicht beeinflusst. Es gibt keine Markenprodukte und Waren haben keine qualitative Dimension. Daher ist Einkaufen ein Kinderspiel: zwei Schachteln generisches Müsli oder drei? Es gibt keine falschen Versprechungen, sodass Käufer nicht auf der Hut sein müssen. Es gibt kein Bedauern in dieser idyllischen Wirtschaft, keine Notwendigkeit für Ermessensentscheidungen oder Intuition, kein Gefühl, keine wirkliche Unsicherheit und daher keine Fehler und keine Notwendigkeit, sich um Anwaltskosten oder andere Zwangsmaßnahmen oder Transaktionskosten kümmern zu müssen. Tatsächlich gibt es keine Gesellschaft, keine Kinder, kein Geschlecht, keine unsichtbaren Barrieren, keine Klassen und somit keine Unterschicht, keine Ungleichgewichte der Macht und keine rassischen, räumlichen oder zeitlichen Dimensionen. Die Konsumenten werden nicht durch Werbung oder durch andere Menschen im Konsum beeinflusst.
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Produzenten wohnen ebenfalls in dieser imaginären Wirtschaft; sie wissen ebenfalls alles, sowohl über die Konsumenten wie auch über ihre eigenen Unternehmen, und daher können sie ihre Gewinne stets leicht maximieren. Tatsächlich gibt es in dieser Wirtschaft überhaupt keine Unternehmen im Sinne einer modernen Aktiengesellschaft, nur einfache Einheiten, die im Einklang agieren. Es gibt keine Aktionäre oder Vorstandsvorsitzende, die ihr eigenes Einkommen und nicht die Gewinne des Unternehmens maximieren könnten. Diese Pseudo-Firma muss nicht werben, um die Konsumenten davon zu überzeugen, ihre Produkte zu kaufen, und hat keinen Anreiz, Kartelle zu formen, Konsumenten zu täuschen oder das System zu manipulieren. Lobbyisten sind eine ausgestorbene Spezies, sodass es keinen politischen Prozess gibt, der die Spielregeln zugunsten der Wohlhabenden und Einflussreichen manipulieren kann. Lösungen werden in Form einer einzigen Entscheidung ohne Vorgeschichte und ohne weitere Auswirkungen auf Folgeperioden präsentiert. In der Tat spielt die Zeit in dieser statischen Welt keine Rolle: Die Vergangenheit ist passé und die Zukunft ist offensichtlich. Daher gibt es nur den Augenblick.
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Alle Gesetze sind bereits in Kraft und so brauchen wir nicht zu diskutieren, wie sie zustande gekommen sind und welche Vorteile sie den Mächtigen bieten, oder inwiefern sie die Enteigneten missachten. […] Freie Märkte sind effizient und stehen daher über der Moral. […] Wohlbefinden wird durch Geld gemessen, aber es gibt keine Armen oder Reichen und deshalb gibt es weder Macht noch Hunger. Daher ist das System demokratisch: ein Dollar – eine Stimme. Die Tatsache, dass einige mehr Geld als andere haben, ist ihr Geburtsrecht, weshalb es keine Notwendigkeit gibt, darüber zu diskutieren, dass sie de facto mehr Stimmen haben.“
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Wer nicht über den Genuss einer ökonomischen Ausbildung verfügt, der wird den Kopf schütteln ob einer solchen Weltsicht. Für Studenten der Wirtschaftswissenschaften ist sie das tägliche Brot. Dabei ist die Realitätsferne der Standardökonomie nichts Neues. Die reine Marktgläubigkeit mit ihrer Aura einer alles zum Guten treibenden Effizienz, vertreten heute nur noch engstirnige Vertreter der Zunft. Allein dieser Erkenntnis willen lohnt sich die Lektüre des Werkes nicht. Deshalb muss sich der Leser auch etwas durch das erste Kapitel mit dem Schwerpunkt auf „den Markt“ ziehen, bietet es doch nicht allzu viel Neues. Gleichwohl sind die dortigen empirischen Widerlegungen eines laissez-fairen Marktes evident wie unterhaltsam. Neben Bekanntem erfährt der Leser aber noch mehr aus und über die Welt der Standardökonomie.
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Ausgewählte Punkte
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Komlos beschreitet bei seinen Analysen zwei Wege. Auf dem einen bleibt er seinem Metier treu und argumentiert ökonomisch. Dabei geht er vielschichtiger vor als seine Kollegen aus der Neoklassik. Der US-amerikanische Ökonom glaubt nicht an den singulären Markt. So macht es bereits einen Unterschied, ob man sich über das Gesundheits-, das Schulwesen oder Benzin unterhält. Diese Märkte sind so spezifisch, dass eine Vereinheitlichung unter „dem Markt“ als gefährliche Simplifizierung gesehen werden darf. Auf dem anderen Weg verlässt Komlos die Welt der Wirtschaftswissenschaften und holt andere Disziplinen an den Tisch. Was in vielen Sozialwissenschaften heute gang und gäbe ist, wird von der Standardlehre der Ökonomie bis heute verteufelt. Dabei bergen psychologische und soziologische Ansätze ein unglaubliches Potenzial in sich, will man den wirtschaftenden Menschen verstehen, – wer hätte das gedacht!? Erst durch die Hinzunahme von nicht-wirtschaftlichen Fakultäten lässt sich das Thema Konsum facettenreich besprechen. Mit dieser Multiperspektivität hält Komlos ein Instrument in Händen, mittels dem er die neoklassische Scheinwelt zerbricht, indem er sie überzeugend als „vorfreudianisch“ und „vorpawlowisch“ entlarvt. (In Anlehnung an den Psychologen Sigmund Freud und den Mediziner und Psychologen Iwan Petrowitsch Pawlow). Und gerade weil die Standardlehrbücher bis heute Aspekte anderer Facultas ignorieren, gehen sie noch immer davon aus, jeder Mensch würde seinen persönlichen Nutzen in Bezug auf sich selbst maximieren. Dabei geschieht dies vielmehr in Orientierung an einem externen Referenzniveau. Was konsumieren meine Freunde? Meine Nachbarn? Meine Vorbilder? Der Mensch strebt eben bis zu einem gewissen Grad auch nach Geltung. Konsum ist eingebettet in ein soziales Gefüge.
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Anstatt also nur von abstrakten Einheiten wie dem Markt, dem Gut oder dem Nutzen zu sprechen, muss man sich den Menschen genau ansehen. So zeigt beispielsweise der Framing-Effekt, dass sich Menschen bei gleicher Faktenlage ganz unterschiedlich verhalten. Ausschlaggebend ist die Art und Weise wie die Fakten präsentiert werden. So spielt es eine immense Rolle, ob man hört, dass von 100 verunglückten Menschen 90 überlebt haben, oder eben, ob von 100 verunglückten Menschen 10 gestorben sind. Die Sprache hat einen erheblichen Einfluss auf das Denken. Auch werden die Regeln der Logik und der Wahrscheinlichkeit allzu häufig von der Intuition und den persönlichen Heuristiken außer Kraft gesetzt. So wurde Probanden in einer Untersuchung zwei Lebensversicherungsmodelle für Reisen angeboten. Das erste deckte Terroranschläge namentlich ab. Das zweite versicherte gegen jegliche Todesursache. Auch wenn das zweite Angebot ja Terroranschläge mit einschließt, wollten die meisten Probanden die erste Versicherung. Beim Wort Terror setzte offenbar der Verstand aus. Nicht nur ist dies ein schönes Beispiel für den Framing-Effekt, es widerlegt zugleich die neoklassische Annahme, Menschen würden immer und überall rational entscheiden. Um diesen Einwand zu bekräftigen, bespricht Komlos auch die Rolle der Prospect-Theorie und präsentiert Ergebnisse der Verhaltensökonomie. Summa summarum kritisiert Komlos, dass die Standardökonomie dort beginnt, wo eine Sozialisation bereits stattgefunden hat. Die ganzen Kapitel der psychischen und soziologischen Entwicklung werden von Standardökonomen ausgeblendet und es bleibt deren Lehre nichts anderes übrig, als den Menschen im Abstrakten – in „dem Konsumenten“ – verschwinden zu lassen. …

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Prof. Dr. Hubers Vollgeldtheorie – Auf Sand gebaut? – Gero Jenner

Mi, 01/03/2017 - 18:38
Eine tiefer gehende Buchbesprechung - - -

Wissenschaftliche Arbeiten lassen eine Beurteilung nach verschiedenen Kriterien zu, von denen ich die folgenden für wesentlich halte:
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1. Sprachliche Kompetenz - - -

2. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf vorhandenes Wissen - - -

3. Pädagogische Kompetenz bei der Vermittlung des eigenen Standpunktes - - -

4. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der Theorie - - -

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Ich möchte meine Besprechung des wissenschaftlichen Hauptwerks von Prof. Huber von vornherein so anlegen, dass ich sie mit dem wissenschaftlichen Hauptwerk von Helmut Creutz vergleiche, der über dasselbe Thema, die Geldtheorie, sein bekanntes Werk „Das Geldsyndrom“ verfasste. Dieser Vergleich scheint mir in mehrfacher Hinsicht erhellend.
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Zunächst ist anzumerken, dass die vier oben genannten Kriterien in verschiedenen Wissensgebieten nicht die gleiche Bedeutung aufweisen. Für einen Mathematiker ist es möglich, auf sprachliche Kompetenz weitgehend oder auch ganz zu verzichten. Wenn es ihm gelingt, die richtige Lösung für ein komplexes Problem zu finden, dann braucht er dafür nicht mehr als eine abstrakte Formel. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob er sich in seinen Erklärungen der deutschen, der chinesischen oder der englischen Sprache bedient – so verhält es sich mit den Arbeiten der Physik und generell mit dem ganzen Bereich der Naturwissenschaften.
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Sofern die Wirtschaftswissenschaften, und hier insbesondere die Geldtheorie, aufgrund von logischen Sachzwängen eher zu den exakten als zu den Geisteswissenschaften zählen, spielt sprachliche Kompetenz hier ebenfalls eine untergeordnete Rolle. Allerdings ist pädagogische Kompetenz umso mehr gefordert, weil sich andernfalls außer einer Handvoll Experten niemand mit einer so spröden Materie befassen würde. Sprachliche Kompetenz muss auf diesem Gebiet daher als wichtiger Faktor gelten.
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1. Sprachliche Kompetenz
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„Monetäre Modernisierung“ ist in einem flüssigen, geschmeidigen, in der Wortwahl und Wortbildung phantasievollen Deutsch geschrieben – eher eine Seltenheit unter Wissenschaftlern, die auf diesem Gebiet tätig sind. Die üblichen Sachbegriffe des Gebiets beherrscht Herr Huber souverän und hat keine Mühe, sie auch durch eigene Wortschöpfungen zu ergänzen. Der Leser gewinnt zunächst einmal den Eindruck, dass der Autor immer ganz genau weiß, wovon er spricht. Zu diesem Eindruck trägt zusätzlich die Tatsache bei, dass sich der Verdacht fachlicher Vernebelung durch schwer verständliche Begriffe oder deren unklare Verwendung eher selten einstellt. Die wesentlichen monetären Kategorien werden gleich zu Beginn der Arbeit auf eine gemeinverständliche Art vorgestellt und definiert. Dabei wird der Fachmann ebenso angesprochen wie der Laie, was von vornherein für den Autor einnimmt. Offensichtlich ist sich dieser durchaus nicht zu gut dafür, auch Letzterem das schwer zugängliche Feld der Geldtheorie auf begrifflich durchsichtige Art zu erschließen.
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Wenn ich auf der Notenskala zwischen eins und sechs einen Wert zu vergeben hätte, so würde ich weiten Partien der Huberschen Arbeit die zweitbeste Note, also eine Zwei, zuerkennen. Ich bin mir allerdings bewusst, dass manche ihm im Vergleich mit der sprachlichen Kompetenz von Helmut Creutz wohl eher eine Eins zubilligen würden – im Gegensatz zum Stil des Letzteren gilt nämlich für die Sprache von Joseph Huber im eminenten Sinne das Prädikat „wissenschaftlich“.
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Helmut Creutz schreibt eine Sprache von großer Bildhaftigkeit. Manche dieser Bilder bleiben unauslöschbar im Gedächtnis haften, so, wenn er davon spricht, dass die Geldmengenregulierung der Notenbank nicht funktionieren kann, weil sie dabei so verfährt wie ein Autofahrer, der statt seine Geschwindigkeit (die Menge des Geldes) durch den Blick auf den Tacho (den tatsächlichen Geldumlauf) zu regulieren, stattdessen den Treibstoff im Tank beschränkt (also die Geldausgabe). Oder wenn er die Unsinnigkeit des Zinssystems mit dem Bild des Parksünders illustriert, wenn man diesen durch Belohnungen (im Geldwesen durch Positivzinsen) von seinem sozial schädlichen Tun (dem Horten von Geld) abhalten würde, statt, wie es tatsächlich geschieht, dieses Ziel durch Bestrafung (im Hinblick auf das Geld: durch Negativzinsen) zu erreichen. Immer wieder gelingt es Creutz ein packendes Bild zu finden, das genau auf den Sachverhalt passt. Seine Sprache ist einfach und eindrucksvoll; geradezu als Meister zeigt er sich in der Kunst, auch komplexe Zusammenhänge auf einfache Art darzulegen. In diesem Sinne kann ich seiner Sprache auf der „Richter“-Skala von eins bis sechs nur eine Eins zuteilen.
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Aus der Sicht des durchschnittlichen Wissenschaftlers ist diese Bildhaftigkeit wohl eher ein Nachteil. In der meist völlig bildlos-abstrakten Theoretiker-Sprache wird ein solcher Stil scheel angesehen und von manchen sogar als naiv abgelehnt. Bei aller logischen Präzision und Brillanz haftet der Sprache von Creutz eine gewisse Kindlichkeit an, die sie zugleich liebenswürdig und ihren Autor sympathisch macht, aber in den Augen zweitrangiger Wissenschaftler wohl eher verdächtig erscheinen lässt – wer den Eindruck unanfechtbarer Seriosität erwecken möchte, schreibt anders. Denn wo bleibt die Tiefe, wenn einer das Komplexe so übersichtlich und einfach vor Augen stellt, dass der Laie die Sache am Ende gleich gut versteht? Creutz hat sich nie um den wissenschaftlichen Jargon bemüht, das hat seiner Rezeption zweifellos geschadet.
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2. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf vorhandenes theoretisches Wissen
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Was Creutz aber am meisten schaden musste, war die souveräne Missachtung vorhandener Literatur, der er sich nur dann zuwandte, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ und er sich daher notgedrungen mit widersprechenden Ansichten auseinanderzusetzen hatte. Helmut Creutz, dieser außerordentliche Autodidakt, hat wirklich immer nur nach der Sache selbst gefragt, das Geld interessierte ihn; nicht, was Leute von A – Z darüber dachten, mochten es auch die größten Kapazitäten der Wissenschaft sein. Wirklich beeinflusst hat ihn nur Silvio Gesell.
Das Vorgehen, die Dinge sozusagen mit den Augen eines Kindes zu sehen und alle Fragen von neuem zu stellen, ist ebenso vielversprechend wie riskant. Die meisten würden bei solchem Vorgehen wohl nur das Rad zum zweiten Mal erfinden. Nicht so Creutz, ihm sind viele neue Einsichten zu danken, aber das macht seine Leistung nicht akzeptabler für all diejenigen, die Wissenschaft so verstehen, dass man zunächst einmal sämtliche vorhandenen Theorien aus dem Effeff kennen muss, bevor man es wagen darf, die Welt mit hausgemachten Ansichten zu behelligen.
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So entgegenkommend Helmut Creutz im persönlichen Umgang ist, auf dem Gebiet der Geldtheorie trat er wie der heilige Georg auf, der einsam und ganz allein den Drachen in Gestalt einer irre geleiteten Wissenschaft niederkämpft. Diese souveräne Missachtung der wissenschaftlichen Szene musste zwangsläufig dazu führen, dass diese ihn ihrerseits weitgehend mit Nichtbeachtung bestrafte. Seit Joseph Huber mit seiner Theorie Anklang fand, ist daraus bei vielen geradezu Nichtachtung geworden. Ganz unverständlich ist das freilich nicht. Es bleibt ja wahr, dass in 95 Prozent aller Fälle kompetente Aussagen zu einem Fachgebiet am ehesten von jenen stammen, welche die vorhandene Literatur erst einmal gründlich beherrschen. Helmut Creutz ist ein Meister, der ohne Ankündigung und Lehrjahr vom Himmel fiel – so etwas kommt selten vor.
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Auf der „Richter“-Skala von eins bis sechs wird man ihm im Hinblick auf das zweite Kriterium daher nur eine Fünf zusprechen – eine Sechs nur deshalb nicht, weil er ja andererseits durchaus fähig war, sich mit vorhandenen Lehrmeinungen zu befassen. Aber er tat es, wie schon gesagt, immer nur dann, wenn er sich herausgefordert fühlte und eine solche Reaktion deshalb unausweichlich war. ...

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Schuldbefreiung – Editorial

Mi, 01/03/2017 - 18:34
Schulden sind eine problematische Sache. Es gibt kaum jemanden, der keine hat. Man mag schuldenfrei sein und ist trotzdem mit ihnen belastet, weil zum Beispiel die Stadt, in der man lebt, verschuldet ist. Im Unternehmen, für das man arbeitet, sind Kredite bei Banken eine Selbstverständlichkeit. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den eigenen Arbeitsplatz. Ganz zu schweigen von Staatsschulden. Ständig tauchen sie in Zeitungsberichten, Nachrichten und Diskussionen auf. Deutschland belasten mehr als zwei Billionen Euro, aber auch die erdrückenden Schulden Griechenlands haben Folgen, die jeden Europäer treffen. Unter der weltweiten Käseglocke dieser ineinander verschachtelten Schuldverhältnisse leben wir alle. Dabei enden Gespräche meist, wie solche über den Nebel in London oder den Regen in Wuppertal: Gut, dass wir darüber geplaudert haben, ändern können wir ohnehin nichts.
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Um der babylonischen Verwirrung noch die Krone aufzusetzen, schwelt zwischen Geld- und Finanzexperten Streit über die Frage, wie Schulden entstehen!
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Aus dem Nichts behaupten die einen; weil Überschüsse Einzelner im Wirtschaftskreislauf nicht konsumiert, sondern gespart werden die anderen. Einig sind die Theoriekontrahenten nur in einem Punkt: Es gibt keine Schulden ohne Guthaben in genau gleicher Höhe. Deren Verbleib ist weitaus nebulöser. Nur eines steht außer Zweifel: Ein paar Wenige weltweit, scheinen über eine Art Geldmagnet zu verfügen. Ihre immensen Vermögen ziehen mit scheinbar stärker werdender Kraft immer noch mehr an.
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Egal, wer im Theorienstreit recht haben mag, eines liegt doch auf der Hand: Das Schulden-Geldvermögens-Gefüge erzeugt ein alles Leben beeinflussendes Klima. Eines, das niemand haben will. Die Natur kann nicht mitreden. Sie erleidet ihr Schicksal der Ausbeutung und „honoriert“ das menschliche Streben nach ewigem Wirtschaftswachstum mit steigender Wärme. Wer ist schuld an dem Schlamassel? Das Team der HUMANEN WIRTSCHAFT fand die Antwort heraus und setzte die Erkenntnis „reißerisch“ auf der Titelseite um. Damit treffen wir den Trend der Zeit. Das Aufeinander-Zeigen, die Welt in Gut und Böse teilen, nur Schwarz und Weiß sehen ist politischer und gesellschaftlicher Modetrend des beginnenden dritten Jahrtausends. Wer anders sollte auch schuld sein als der Einzelne?
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Die Frage ist für diese Zeitschrift selbstverständlich rhetorisch. Wir bleiben der Linie einer ganzheitlichen Sicht auf die Dinge treu. Im Besonderen die Wirtschaft beweist, dass alles mit allem verbunden ist. Der im Universum winzige Körper Erde ist ein Gefüge in relativer Balance, der in einer Vielheit von Substanzen und Elementen lebt. Das Zusammenwirken, das sich gegenseitig nähren und versorgt werden, bildet einen Planeten voller Leben.
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Ein Individuum kann etwas verändern, das steht außer Zweifel. So gesehen ist es sinnvoll, sein Schicksal und das der Welt in die eigene Hand zu nehmen. Wenn viele Millionen Menschen Fahrräder, statt Autos mit Verbrennungsmotoren benutzen, dann hat das einen wünschenswerten Effekt. Auf die billige Kurzflugreise verzichten wir ebenfalls und von dem Kleidungsstück, das unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt auf einem mit Schweröl betriebenen Containerschiff aus Fernost kommt, lassen wir die Finger. Im Schwäbischen soll es bekanntermaßen noch ein Textilunternehmen geben, das ausschließlich in Deutschland produziert. Mit welcher Baumwolle? Nein, das geht jetzt zu weit!
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Zurück zu den Schulden und das bedrückende Klima, das sie erzeugen. Eine „Klimaänderung“ schaffen wir nur, wenn wir uns gemeinschaftlich darum kümmern. Die Rolle des Geldes in der Wirtschaft darf nicht auf den Seziertisch selbsternannter Experten ausgelagert werden. Aus der Erkenntnis der Verbundenheit von allem mit allem, sollten wir Verantwortung für die menschengemachten, künstlichen Systeme übernehmen, die das Zusammenleben mindestens genauso beeinflussen, wie individuelle Handlungsweisen.
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Folglich zum Schluss die Gebrauchsanweisung für unser Titelblatt: Nehmen Sie es nicht persönlich, sondern nutzen Sie es bei einem Treffen mit anderen. Lassen Sie es im Kreis gehen. Regen Sie an, über Schuld und Schulden nachzudenken und darüber, was wir umgestalten müssen, damit wir befreit werden.
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Herzlich grüßt Ihr Andreas Bangemann

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Termine 02/2017

Mi, 01/03/2017 - 13:41
Wuppertal, 11. bis 12. März 2017 - - -
59. Mündener Gespräche: „Vollgeld – Seine Möglichkeiten und Grenzen“ u. a. mit Johann Walter, Ferdinand Wenzlaff, Dirk Löhr, Michael Kopatz, Ute Sauer. In der Silvio-Gesell-Tagungsstätte in Wuppertal. - - -
http://sozialwissenschaftliche-gesellschaft.de/muendener-gespraeche.html
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Bad Boll, 14. März 2017, 19:00 Uhr - - -
„Zur Bildungspolitik” Vortrag und Diskussion mit Eckhard Behrens im Rahmen der “Bad Boller Gespräche” - - -
Schule der Freiheit, Badstraße 35, 73087 Bad Boll - - -
Infos unter: http://sffo.de
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weitere Termine online...

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Auf nach Barcelona – Veranstaltungshinweis

Mi, 01/03/2017 - 13:36
Die HUMANE WIRTSCHAFT fördert zwei junge Geldreform-Aktivisten – Jetzt bewerben - - -

4. Internationale Konferenz über Sozial- und Ergänzungswährungen: Geld, Bewusstsein und Werte für den sozialen Wandel. Barcelona, 10. bis 14. Mai 2017 - - -

Die HUMANE WIRTSCHAFT ist offizieller Medienpartner der Veranstaltung. Wir werden im kommenden Jahr teilnehmen und Beiträge aus dem Umfeld unserer Autoren, Leser und Aktiven fördern.
Es ist geplant für Interessenten, sowohl die Reise, wie auch die Unterkunft zu organisieren. Das Zustandekommen einer solchen Planung hängt vom Grad des Interesses ab. Bitte melden Sie sich, falls Sie an der Teilnahme interessiert sind. Wir informieren Sie über anfallende Kosten. Die Konferenzsprachen sind Englisch, Spanisch und Katalan. Im Rahmen unserer Arbeit im Förderverein wollen wir zwei Teilnehmerinnen oder Teilnehmern die Teilnahmegebühren, sowie Fahrt und Unterkunft in Form eines „Stipendiums“ bereitstellen. - - -

Voraussetzungen: Alter bis maximal 29 Jahre, Interesse auf dem Gebiet der Komplementärwährungen zu forschen und aktiv tätig zu sein. Bereitstellung eines schriftlichen Erfahrungsberichts
zur Veranstaltung und den eigenen diesbezüglichen Zukunftsplanungen. Einsendeschluss: 31. März 2017 - - -

Wir freuen uns auf Eure aussagekräftige Bewerbung mit Beschreibung zur Person sowie zur Motivation. Bitte Bewerbungen schriftlich einreichen bei: - - -

Redaktion HUMANE WIRTSCHAFT - - -
Andreas Bangemann - - -
Schanzenweg 86 - - -
42111 Wuppertal - - -
redaktion@humane-wirtschaft.de - - -

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